Die Turner-Tagebücher

Kapitel 26


18. September 1993: In den letzten Wochen ist soviel geschehen und soviel ist verloren gegangen, daß ich mich kaum überwinden kann darüber zu schreiben. Ich bin am Leben und bei guter Gesundheit, doch manchmal beneide ich die vielen Millionen, die in den letzten Tagen starben. Meine Seele ist wie verloren und ich laufe herum wie ein Toter.

Von allem, woran ich noch denken kann und was mir wieder und wieder durch den Kopf geht, ist die alleinige erdrückende Tatsache: Katherine ist tot! Bis heute hat mich gequält, daß ich nicht absolute Gewißheit über ihr Schicksal hatte, und ich habe darüber keine Ruhe gefunden. Doch nachdem ich jetzt sicher weiß, daß sie tot ist, ist die Qual vorbei und ich habe nur noch das Gefühl einer großen Leere, eines unersetzlichen Verlustes.

Es gibt für mich wichtige Arbeit zu tun und ich bin mir bewußt, daß ich die Vergangenheit aus meinem Gedächtnis verdrängen muß, um mich völlig meinen Aufgaben widmen zu können. Heute abend aber muß ich meine Erinnerungen an diese ereignisreichen Tage und meine Gedanken dazu aufzeichnen. Im Chaos dieser Tage kommen Millionen um, ohne auch nur die geringsten Spuren zu hinterlassen -- sie werden für immer vergessen, für immer namenlos sein -- doch ich kann wenigsten diesen hauchdünnen Seiten die Erinnerung an Katherine und die Ereignisse anvertrauen , die sie und andere unserer Kameraden mitgeprägt haben und ich hoffe, daß mich mein Tagebuch überleben wird. Es wird dazu beitragen, unseren Toten und Märtyrern gegenüber das Mindestmaß unserer Schuldigkeit zu erfüllen: sie niemals zu vergessen.

Es war der 7. September, ein Mittwoch, an dem ich mit der Plazierung unserer dritten Bombe fertig wurde. Ich holte sie mit zwei anderen Mitgliedern unseres Bombenkommandos am Montag von dem Versteck ab, in dem sich nun nur noch ein Sprengkopf befindet, und wir brachten sie nach Maryland. Ich hatte bereits die genaue Stelle bestimmt, wo ich sie legen wollte, aber die Truppenbewegungen im ganzen Gebiet von Washington waren in jener Woche so stark, daß wir in Maryland fast drei Tage warten mußten, bis wir eine Gelegenheit fanden, an den Zielort heranzukommen.

Der zivile Fahrzeugverkehr war im Gebiet von Washington schon lange durch Straßensperren, Kontrollpunkte, blockierten Teilstrecken vieler Straßen, u.s.w., ziemlich behindert, aber in jener Woche wurde es fast unmöglich vorwärts zu kommen. Auf dem Weg zurück in unser Druckereihauptquartier waren die Straßen durch lange Schlangen von Zivilfahrzeugen verstopft, die alle hochbeladen waren mit Umzugsgütern, die an Türen, Motorhauben und Dächern festgebunden waren. Dann geriet ich ungefähr eine halbe Meile vom Betrieb entfernt in eine neu errichtete militärische Straßensperre, die als ich wegfuhr noch nicht dagewesen war. Rollen aus Stacheldraht waren über die Straße gelegt, und ein Panzer hinter dem Stacheldraht in Stellung gefahren.

Ich wendete und versuchte in eine andere Straße einzubiegen; sie war auch versperrt. Ich rief über die Barriere hinweg einen Soldaten an, dem ich sagte, wohin ich fahren wollte, und fragte ihn welche unversperrte Straße ich benutzen könnte um dort hinzukommen. "Sie können dort überhaupt nicht hinfahren", rief er zurück. "Dies ist eine Sicherheitszone. Heute morgen sind alle Einwohner evakuiert worden. Jeder Zivilist der sich innerhalb der Abgrenzung blicken läßt, wird ohne Anruf erschossen."

Ich war wie betäubt. Was ist mit Katherine und den anderen passiert?

Offenbar haben die Militärbehörden plötzlich den Radius der Sicherheitszone um das Pentagon von den anfänglichen zwei Meilen auf jetzt drei Meilen ohne Vorwarnung erweitert. Unser Betrieb lag vorher in sicherer Entfernung von 1/2 Meile außerhalb der ehemaligen Sicherheitsbegrenzung, und es ist uns nie in den Sinn gekommen daß sie erweitert werden könnte. Der Grund dafür ist offensichtlich, die Organisation daran zu hindern in nächster Nähe des Pentagons eine Atombombe zu seiner Zerstörung in Position zu bringen. Ich betrachtete schon die vorige Begrenzung als ausreichenden Schutz gegen unsere 60-Kiloton Sprengköpfe, da das Pentagon schon vor längerer Zeit an allen Fenstern mit explosionssicheren Rolläden versehen und Schutzmauern aus Stahlbeton umgeben wurde. Schon seit ich aus Kalifornien nach Washington zurückgekehrt bin, versuche ich einen Weg zu finden, um eine Bombe innerhalb der Sicherheitszone zu bringen.

Ich fuhr zu dem Nottreffpunkt unserer Einheit ein paar Meilen südlich von Alexandria, aber dort traf ich niemanden an, und es war auch keine Nachricht für mich hinterlassen worden. Ich hatte keine Möglichkeit, mit WFC in Verbindung zu treten, um herauszufinden wo sich Katherine, Bill und Carol aufhielten, da unser gesamtes Nachrichtengerät im Betrieb war. Aber aus der Tatsache, daß sie sich nicht am Treffpunkt befanden, mußte ich fast sicher entnehmen daß sie verhaftet wurden.

Es war schon nach Mitternacht, doch ich fuhr sofort wieder nach Norden, in die Richtung in der die Evakuierten, an denen ich vorher vorbeifuhr, unterwegs waren. Ich dachte mir, daß es möglich sein könnte von jemanden der vorher in der Nähe des Betriebes gelebt hatte herauszufinden, was aus meinen Kameraden geworden ist. Es war mein Glück, daß ich diesen törichten und gefährlichen Gedanken, zu dem mich das Gefühl der Verzweiflung verführt hatte, nicht ausführen konnte, weil ein Konvoi von Militärlastwagen so gründlich die Hauptstraße verstopft hatte, daß ich schließlich gezwungen war an der Straßenseite zu halten und bis zum Morgen zu schlafen.

Als ich schließlich später noch an jenem Tag das Gebiet mit den Flüchtlingen erreichte, wurde mir fast gleich bewußt daß die Chance, die Information zu erhalten die ich suchte, sehr gering war. Ein Meer von Armeezelten war auf einem riesigen Parkgelände eines Supermarktes und einem danebengelegenen Feld errichtet worden. Der Rand des Lagers war proppenvoll mit Bauplatztoiletten und Zivilfahrzeugen, die alle noch mit Haushaltsgegenständen, Flüchtlingen und Soldaten hochbeladen waren.

Ich bewegte mich für fast drei Stunden durch die sich hin und her schiebende Menschenmenge, sah aber keine bekannten Gesichter. Aufs Geratewohl stellte ich einigen Leute ein paar Fragen, erreichte aber nichts. Die Leute waren ängstlich und antworteten nur ausweichend oder überhaupt nicht. Sie fühlten sich elend, waren verwirrt und wollten nicht noch mehr Schwierigkeiten als sie schon hatten. Fragen über Verhaftungen, die sie beobachtet haben könnten, bedeutete für sie die Gefahr, weitere Unannehmlichkeiten zu bekommen.

Als ich an einem Zelt vorbeiging das doppelt so groß wie die anderen war, hörte ich aus seinem Inneren unterdrückte Schreie und hysterisches Schluchzen, durchsetzt mit lautem, rohem, männlichen Gelächter und Gespött. Ein Dutzend schwarzer Soldaten standen vor dem Eingang Schlange.

Ich blieb stehen um zu sehen, was da vor sich ging, als gerade zwei grinsende schwarze Soldaten sich ihren Weg durch die Menge vor dem Zelt bahnten und hineingingen, wobei sie zwischen sich ein furchterregtes, schluchzendes weißes Mädchen von etwa 14 Jahren mitschleppten. Die Schlange der Neger die sich zur Vergewaltigung angestellt hatten, rückte wieder einen Schritt vorwärts.

Ich rannte zu einem weißen Offizier mit den Insignien eines Majors, der nur etwa 50 Meter weiter weg stand. Ich begann wütend gegen diesen Vorgang zu protestieren, aber bevor ich überhaupt geendet hatte, drehte sich der Offizier schamvoll von mir weg und eilte in die entgegengesetzte Richtung davon. Zwei in der Nähe stehende weiße Soldaten schlugen die Augen nieder und verschwanden zwischen zwei Zelten. Niemand wollte sich des "Rassismus'" verdächtig machen. Ich unterdrückte den fast unbezwingbaren Drang in mir, meine Pistole zu ziehen und damit auf jeden zu schießen der mir vor die Augen kam, und ging dann weg.

Ich fuhr zu einer der Stellen, die, wie ich mit ziemlicher Sicherheit annahm, noch mit Personal der Organisation besetzt sein konnte: der alte Geschenkladen in Georgetown. Er befand sich knapp außerhalb des neuen bewachten Sicherheitszonen um das Pentagon. Ich kam dort an, als die Dunkelheit einsetzte und fuhr mit dem Lieferwagen um die Ecke zum hinteren Serviceeingang.

Ich war gerade aus dem Wagen gestiegen und in den Schatten des hinteren Gebäudes getreten, als die Welt um mich herum plötzlich einen Moment lang taghell wurde. Zuerst blitzte ein intensiver heller Schein auf, dem dann ein schwächeres Glühen folgte, das sich bewegende Schatten warf und von weiß nach gelb und dann rot innerhalb von ein paar Sekunden wechselte.

Ich lief auf die Gasse, um eine bessere ungehinderte Sicht auf den Himmel zu bekommen. Von dem was ich sah, stockte mir das Blut in den Adern und meine Nackenhaare begannen sich zu sträuben. Ein riesiges, bauchiges, glühendes Etwas, von zum größten Teil fleckiger und rubinroter Färbung, aber durchschossen von dunklen Streifen und außerdem besprenkelt mit einem sich verschiebenden Muster von hellem Orange und gelben Stellen, stieg in den nördlichen Himmel auf, wobei es ein bedrohliches blutrotes Licht auf das Land darunter warf. Es war wahrlich wie eine Vision aus der Hölle.

Dann dehnte sich der gigantische Feuerball weiter aus, stieg höher und eine dunkle Säule, wie der Stiel eines riesigen Pilzes, wurde darunter sichtbar. Man konnte helle, elektrischblaue Feuerzungen auf der Oberfläche der Säule flackern und tanzen sehen. Die kamen von riesigen Blitzen, deren Donner man wegen der großen Entfernung zuerst nicht hören konnte. Als das Geräusch schließlich ankam, war es ein dumpfer, unterdrückter Schall, aber immer noch überwältigend: ein Geräusch, wie man es zu hören erwartet bei einem unvorstellbar starken Erdbeben, das eine riesige Stadt erschüttert und tausend hundertstöckige Wolkenkratzer gleichzeitig zum Einsturz bringt.

Mir wurde klar, daß ich Zeuge der Auslöschung der Stadt Baltimore, 35 Meilen von hier entfernt, geworden war, doch konnte ich mir das enorme Ausmaß der Explosion nicht erklären. War es vielleicht eine unserer 60-kiloton Bomben, die das angerichtet hatte? Glich das nicht eher der Explosionskraft einer Megaton-Bombe?

Die Regierungsnachrichten an jenem Abend und am folgenden Tag behaupteten, der Sprengkopf, der Baltimore zerstörte, wobei mehr als 1 Million Menschen getötet wurden, sowie die Explosionen, die am gleichen Tag etwa zwei Dutzend andere amerikanische Großstädte vernichteten, wären von uns gezündet worden. Sie behaupteten ebenfalls, die Regierung hätte durch einen gewaltigen Gegenschlag das "Nest der rassistischen Vipern" in Kalifornien zerstört. Wie sich jedoch herausstellte, waren beide Behauptungen falsch, aber erst zwei Tage später erhielt ich einen vollständigen Bericht über das, was tatsächlich geschehen war.

Zwischenzeitlich hatte mich und ein halbes Dutzend andere, die an jenem Abend um das Fernsehgerät im verdunkelten Keller des Geschenkenladens versammelt waren, ein Gefühl der äußersten Verzweiflung gepackt, als der Nachrichtensprecher hämisch berichtete, unsere befreite Zone in Kalifornien wäre umfassend zerstört worden. Er war ein Jude, und er ließ seinen Haßgefühlen freien Lauf; nie zuvor habe ich so etwas gehört oder gesehen.

Nach einer im getragenen Ton verlesenen Aufzählung fast aller Städte, die an jenem Tag getroffen wurden, mit vorläufigen Schätzungen der Todesopfer (Beispielsweise: "...und in Detroit, das die rassistischen Unmenschen mit zwei ihrer Raketen trafen, haben sie über 1.4 Millionen unschuldige amerikanische Männer, Frauen und Kinder aller Rassen ermordet..."), kam er auf New York zu sprechen. An dieser Stelle seiner Ansage traten ihm tatsächlich Tränen in die Augen und es versagte ihm die Stimme.

Zwischen Schluchzern stieß er die Neuigkeit hervor, daß 18 voneinander unabhängige Atomexplosionen Manhattan und die darumherum liegenden Städtchen und Vororte bis zu einem Halbkreis von ungefähr 20 Meilen eingeebnet hatten, wodurch schätzungsweise etwa 14 Millionen sofort getötet wurden und man damit rechnet, daß in den nächsten Tagen vielleicht weitere fünf Millionen durch Verbrennungen oder Strahlungserkrankungen sterben werden. Dann verfiel er ins Hebräische und stimmte einen sonderbar klagenden Singsang an, während Tränen über seine Wangen strömten und er mit geballten Fäusten auf seinen Brustkorb trommelte.

Ein paar Sekunden nach dieser Äußerung des Schmerzes, trat in seinem Benehmen eine völlige Veränderung ein. Vom Schmerz wechselte er zu glühendem Hass auf jene über, die sein geliebtes New York zerstört hatten, dann in einen Ausdruck grimmiger Zufriedenheit, der sich allmählich zu einer triumphierenden Freude steigerte: "Aber wir haben Rache an unseren Feinden geübt und nun existieren sie nicht mehr. Wieder und wieder zu allen Zeiten haben sich die Völker gegen uns erhoben und uns zu vertreiben oder zu töten versucht, aber wir haben am Ende immer wieder gesiegt. Niemand kann uns widerstehen. Alle die das versucht haben -- Ägypten, Persien, Rom, Spanien, Rußland, Deutschland -- sie alle sind ihrerseits zerstört worden, und wir sind immer siegreich aus den Ruinen emporgestiegen. Wir haben immer überlebt und es wieder zu Wohlstand gebracht. Und jetzt haben wir jene, die zuletzt ihre Hände gegen uns erhoben haben, restlos zermalmt. So wie Moses die Ägypter erschlug, so haben wir die Organisation erschlagen."

Seine Zunge schnellte feucht über seine Lippen und seine dunklen Augen leuchteten unheilvoll, als er beschrieb wie just an diesem Nachmittag ein Atombombenhagel zur Auslöschung Kaliforniens entfesselt wurde: "Ihre wertvolle rassische Überlegenheit hat ihnen kein bißchen geholfen, als wir hunderte von Atomgranaten in die rassistische Hochburg abfeuerten", sagte der Nachrichtensprecher mit Ergötzen. "Das weiße Ungeziefer starb wie die Fliegen. Wir können nur hoffen, daß ihnen während ihrer letzten Augenblicke noch bewußt wurde, daß viele der loyalen Soldaten, die die Knöpfe zur Abfeuerung der Raketen drückten, die sie töteten, Schwarze, Mexikaner oder Juden waren. Ja, die Weißen und ihr verbrecherischer rassistischer Stolz sind in Kalifornien ausgelöscht worden, doch nun müssen wir die Rassisten auch sonst überall töten, damit in Amerika Rassenharmonie und Brüderlichkeit wiederhergestellt werden können. Wir müssen sie töten! Sie töten! Töten! Töten!..."

Dann verfiel er wieder ins Hebräische und seine Stimme wurde dabei lauter und schroffer. Er stand auf und beugte sich zur Kamera hin, wirkte dabei wie eine Inkarnation des reinen Hasses, als er in seiner fremden Sprache kreischte und plapperte, wobei ihm der Geifer vor dem Mund stand und ihm dann am Kinn herunterlief.

Diese groteske von ihm abgezogene Schau muß für einige seiner weniger emotionsgeladenen Glaubensbrüder sehr peinlich gewesen sein, da er plötzlich inmitten des Krakeelens in Bild und Ton abgeschnitten und durch einen Nichtjuden ersetzt wurde, der bis in den frühen Morgen revidierte Schätzungen über die Zahl der Opfer bekanntgab.

Genaueren Aufschluß Über diesen grauenvollen Donnerstag erhielten wir erst nach und nach während der nächsten 48 Stunden, sowohl von späteren genaueren Regierungsnachrichten als auch durch unsere eigenen Quellen. Die erste und wichtigste Nachricht, die wir am frühen Morgen des Freitags erhielten, war der vom Revolutionskommando an alle Einheiten der Organisation gesendete verschlüsselte Funkspruch: Kalifornien ist nicht zerstört worden! Zwar ist Vandenberg ausgelöscht worden, und zwei große Raketen haben die Stadt Los Angeles getroffen, was zu vielen Toten und großer Zerstörung geführt hat, aber mindesten 90% der Menschen in der befreiten Zone haben überlebt; teilweise dadurch, daß sie wenige Minuten vor dem Schlag eine Vorwarnung erhielten und es ihnen so gelang, Luftschutzeinrichtungen aufzusuchen.

Unglücklicherweise gab es für die Menschen in anderen Teilen des Landes keine Vorwarnung, und die Anzahl der Todesopfer, einschließlich derjenigen, die in den letzten zehn Tagen durch Verbrennungen, sonstige Wunden und radioaktive Strahlung gestorben sind, beträgt ungefähr 60 Millionen. Die Raketen, die diese Toten verursacht haben, stammten jedoch nicht von uns -- außer im Falle der Stadt New York, die erst einem Bombardement aus Vandenberg und danach aus der Sowjetunion ausgesetzt war. Baltimore, Detroit, und die anderen amerikanischen Städte die getroffen wurden, ebenso wie Los Angeles, waren alle Opfer sowjetischer Raketen. Unser Luftwaffenstützpunkt Vandenberg war das einzige inländische Ziel, das durch Kräfte der U.S. Regierung getroffen wurde.

Die umwälzende Kette der Ereignisse begann mit einer außergewöhnlich schmerzlichen Entscheidung durch das Revolutionskommando. Nach Berichten, die das Revolutionskommando in der ersten Woche dieses Monats erhielt, hat im US Regierungslager eine allmähliche aber stetige Verschiebung des Kräftegleichgewichts stattgefunden: die militärische Fraktion, die eine atomare Auseinandersetzung mit uns vermeiden wollte, mußte schließlich der jüdischen Fraktion nachgeben, die auf einer sofortigen Auslöschung Kaliforniens bestand. Anderenfalls befürchteten die Juden, die bestehende Patt-Situation zwischen der befreiten Zone und dem Rest des Landes könnte beständig werden, was schließlich einen fast sicheren Sieg für uns bedeuten würde.

Um das zu vermeiden, gingen sie hinter den Kulissen in ihrer traditionellen Weise vor, indem sie mit Streit, Drohungen und Bestechungen auf ihre Gegner getrennt voneinander Druck ausübten. Sie waren bald insoweit erfolgreich, daß es ihnen gelang, einige der höchsten Generale durch ihre Kreaturen zu ersetzen. Damit sah auch das Revolutionskommando die letzte Chance, einen allumfassenden Schußwechsel durch Atomraketen mit Regierungskräften zu vermeiden, schwinden.

So beschlossen wir, präventiv zu handeln und dabei die geopolitisch-strategischen Gegebenheiten in Bezug auf das "besondere Verhältnis" der US-Regierung zu Israel und besonders auch ihre ständige Kriegsbereitschaft gegenüber der Sowjetunion für uns auszunutzen. Deshalb griffen wir zuerst an, jedoch nicht die US-Regierungskräfte. Wir schossen alle unsere Raketen von Vandenberg aus (außer einem halben Dutzend mit dem Ziel New York) auf zwei Ziele ab: Israel und die Sowjetunion. Sobald unsere Raketen abgefeuert waren, benachrichtigte das Revolutionskommando das Pentagon über eine direkte Telefonverbindung. Natürlich wurde alles dem Pentagon sofort durch seine eigenen Radarschirme bestätigt, und es hatte keine andere Wahl als unseren Salven, in Erwartung eines sowjetischen Gegenschlags, seinerseits mit einen allumfassenden Atomangriff auf die Sowjetunion folgen zu lassen, um so einen möglichst großen Teil des Vergeltungspotentials der Sowjets zu zerstören, was aber nur teilweise gelang.

So war die darauf erfolgte sowjetische Antwort entsetzlich, im ganzen aber doch unzureichend. Sie feuerten zwar alles, was sie hatten, auf uns ab, aber es war einfach nicht genug, so daß einige der größten amerikanischen Städte einschließlich Washingtons und Chicagos verschont blieben.

Mit der Auslösung dieser schicksalhaften Kette von Ereignissen hat die Organisation ein Vierfaches erreicht: Erstens, haben wir durch den Angriff auf New York und Israel die beiden hauptsächlichen Nervenzentren des Weltjudentums völlig zerstört. Die werden eine Weile brauchen um eine neue Befehlskette zu errichten und den vorherigen Zustand wiederherzustellen.

Zweitens haben wir dadurch, daß wir sie dazu zwangen eine entschlossene kriegerische Aktion zu unternehmen, das Kräftegleichgewicht in der U.S. Regierung fest in die Hände der militärischen Führer zurückgelenkt. Praktisch steht das Land jetzt unter einer Militärregierung.

Drittens haben wir dadurch, daß wir einen sowjetischen Vergeltungsschlag provoziert haben, viel mehr zur Zerschlagung des Systems in diesem Lande getan und die geordnete Lebensweise der Massen gestört, als wir es durch den Gebrauch unserer eigenen Waffen gegen inländische Ziele hätten erreichen können. So sind uns immer noch die meisten unserer 60-Kiloton Sprengköpfe übriggeblieben! Das wird in den kommenden Tagen für uns von riesigem Vorteil sein.

Viertens haben wir ein Hauptschreckgespenst, das zuvor unsere Pläne gefährdete, beseitigt: das Gespenst einer sowjetischen Intervention, die uns noch nach einem Sieg über das System hätte treffen können.

Natürlich nahmen wir ein enormes Risiko auf uns: Erstens die Verwüstung Kaliforniens durch einen sowjetischen Gegenschlag; und zweitens daß die U.S. Militärs ihre Ruhe verlieren könnten und ihre Atomwaffen gegen Kalifornien einsetzen würden, trotzdem es, außer Vandenberg, dort keine atomare Bedrohung gab die man unbedingt hätte zerstören müssen. In beiden Fällen war uns das Kriegsglück einigermaßen freundlich gesinnt, obgleich die Bedrohung durch das U.S. Militär keinesfalls vorüber ist.

Unsere Verluste sind jedoch erheblich: ungefähr ein achtel der Mitglieder der Organisation und fast ein fünftel der weißen Bevölkerung unseres Landes, ohne auch nur die unzähligen Millionen von Rassegenossen in der Sowjetunion erwähnt zu haben. Glücklicherweise hat es in unserem Land die größten Todesopfer in den großen Städten gegeben, wo dir Nichtweiße Bevölkerung besonders stark ist.

Insgesamt gesehen hat sich die strategische Situation der Organisation dem System gegenüber enorm verbessert, und das ist, was wirklich zählt. Wir sind gewillt, so viele Opfer wie nötig in Kauf zu nehmen, wenn nur die Verluste des Systems verhältnismäßig höher sind. Die Hauptsache ist, daß auf lange Sicht, wenn der Pulverdampf sich schließlich verzogen hat, das letzte Bataillon auf dem Felde das unsere ist.

Heute habe ich endlich Bill ausfindig gemacht und herausgefunden, was dort in dem Druckereibetrieb während der Evakuierung vor sich ging. Auch er hatte einen schmerzlichen persönlichen Verlust zu beklagen. Seine Geschichte war kurz, jedoch ergreifend.

Die Evakuierung der erweiterten Sicherheitszone um das Pentagon wurde ohne jegliche Vorwarnung durchgeführt. Am Vormittag des 7.Septembers, um etwa 11 Uhr, erschienen plötzlich Panzer in den Straßen, Soldaten begannen an alle Türen zu klopfen und gaben den Bewohnern nur zehn Minuten Zeit, um ihre Behausungen zu verlassen. Sie faßten jeden grob an, der sich nicht schnell genug bewegte.

Als die Panzer erschienen, waren Bill, Carol und Katherine gerade dabei, Propagandazettel auf der Maschine zu drucken, und sie hatten gerade noch genug Zeit, das belastende Material unter einer Plane zu verstecken, bevor sich vier schwarze Soldaten in den Laden drängten. Da sich die Soldaten bei der Durchsuchung der Gebäude weiter keine Zeit nahmen, wäre vermutlich im Laden alles ganz glatt verlaufen, hätte nicht einer der Schwarzen eine zweideutige Bemerkung gegenüber Katherine gemacht, als sie gerade dabei war, hastig einige ihrer Kleidungsstücke und andere persönliche Sachen einzupacken.

Katherine gab dem Schwarzen keine Antwort, aber der eisige Blick, mit dem sie ihn ansah, hatte offenbar das Gefühl seiner "Menschenwürde" verletzt. Er begann sie mit dem typischen Gebaren der Schwarzen gegenüber Weißen zu bedrängen. "Was ist los mit dir Baby, hast du schwarze Menschen nicht gern?" Die Schwarzen haben herausgefunden, daß diese Weise bei den von Schuldgefühlen geplagten liberalen weißen Mädchen Wunder wirkt, da sie äußerst ängstlich darauf bedacht sind, nicht als "rassistisch" betrachtet zu werden, wenn sie die unerwünschten Annäherungsversuche von brünstigen schwarzen Böcken zurückweisen. Als Katherine versuchte, mit zwei schweren Koffern beladen durch die Ladentür nach draußen zu gelangen, stellte sich ihr der lüsterne Schwarze in den Weg und versuchte dabei mit seiner Hand unter ihr Kleid zu fahren.

Sie wich flink etwas zurück und gab dem Schwarzen einen gut gezielten Tritt in seine Weichteile, was seine Lüsternheit sofort abkühlte, aber es war zu spät: Er hatte bereits Katherines Pistolenhalfter gespürt. Laut schreiend warnte er seine Begleiter, und beide Seiten fingen zur gleichen Zeit an aufeinander zu schießen. Während Katherine und Carol mit ihren Pistolen schossen, beharkte Bill die schwarzen Soldaten mit seinem abgesägten automatisch ladenden Schrotgewehr.

Alle vier Schwarzen waren tödlich getroffen, aber nicht ehe sie ihrerseits alle drei Weißen verwundet hatten. Einer der Schwarzen torkelte noch aus dem Laden, bevor er zusammenbrach. Bill, der nicht so schwer getroffen war, hatte nur einen kurzen Moment Zeit um festzustellen, daß Katherine nicht mehr zu retten war, bevor er und Carol gezwungen waren eiligst durch den hinteren Teil des Ladens zu flüchten.

Sie verkrochen sich im Dachboden eines angrenzenden Gebäudes, wo sie von den Suchkommandos nicht gefunden wurden. Carol wurde durch ihre Verwundungen bald so schwach, daß sie sich nicht mehr rühren konnte, und Bill befand sich in einem nicht viel besseren Zustand. Am Abend des folgenden Tages kroch er unter großen Schmerzen aus dem Versteck und beschaffte aus den leerstehenden Gebäuden in der Nachbarschaft heimlich Trinkwasser, Nahrungsmittel und ein paar Arzneimittel, ehe er wieder zu seiner Frau zurückkehrte.

Carol starb vier Tage später, und erst nach weiteren fünf Tagen hatte Bill genug Kraft wiedergewonnen um seinerseits den Dachboden verlassen zu können. Es gelang ihm dann einen Weg aus der Sicherheitszone zu finden.

Ich wußte das Bill mich niemals anlügen würde, und es ist jetzt zumindest tröstlich für mich zu wissen, daß Katherine nicht lebend in die Hände des Feindes gefallen ist. Ihr Tod macht es mir zur Pflicht, alle Zeit die ich zur Verfügung habe unserer Aufgabe zu widmen, um sicherzustellen daß Katherine nicht vergebens gestorben ist.



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