4. September 1993: Obgleich ich nun schon fast eine Woche in Washington bin, habe ich erst jetzt wieder einmal Gelegenheit zum Schreiben. Nach unserer unruhigen Fahrt von einem Ende des Landes zum anderen, verbrachten wir mehrere hektische Tage damit, zwei unserer Bomben zu legen. Dann hatte ich gestern seit meiner Rückkehr die erste ungestörte Nacht mit Katherine. Morgen müssen wir dann wieder eine Bombe legen, aber der heutige Abend ist zum Schreiben da.
Unsere Fahrt von Kalifornien hierher verlief wie in einem tollen Film. Obwohl ich alle Ereignisse noch frisch in Erinnerung habe, kann ich kaum glauben, daß sie wirklich geschehen sind. Die Zustände in diesem Land haben sich in den letzten neun Wochen ungeheuer verändert, so als wenn wir mit Hilfe einer Zeitmaschine in eine ganz andere Ära eingetreten wären, in der alle alten Regeln zur Meisterung des Lebens, deren Aneignung uns eine ganze Lebenszeit gekostet hat, völlig verändert wurden. Zum Glück für uns scheinen aber auch unsere Widersacher durch die Veränderungen genauso verwirrt zu sein wie wir.
Ich war überrascht, mit welcher Leichtigkeit wir in der Lage waren, unsere Enklave zu verlassen. Die Soldaten des Systems waren nur in einigen Grenzgebieten den Hauptverkehrsstraßen entlang massiv zusammengezogen worden, mit zusätzliche Gruppen in Kompaniestärke nur an Straßensperren auf Nebenstraßen. Diese auf Nebenstraßen eingesetzten Soldaten versäumten es anscheinend, Spähtrupps auszusenden und so konnten wir sie einfach und sicher umgehen. Dies ist die Erklärung dafür, wieso es so vielen weißen Freiwilligen gelang, seit dem 4. Juli in unser Gebiet Kaliforniens einzusickern.
Wir benutzten einen Armeelastwagen um erst nördlich nach Bakersfield zu fahren und dann noch 20 Meilen weiter in nordöstlicher Richtung zu einer Stelle, die eine halbe Meile von einer mit Schwarzen bemannten Straßensperre entfernt lag. Wir konnten sie sehen und sie uns, aber sie machten uns keine Schwierigkeiten, als wir von der Hauptstraße herunter auf einen holprigen Forstwirtschaftsweg fuhren. Wir waren bereits in den Ausläufern der Sierra-Gebirgskette.
Nach ungefähr einer Stunde schwierigen Fahrens auf der steilen, kaum passierbaren Bergstraße bogen wir wieder auf die Hauptstraße ein, aber jetzt in sicherer Entfernung hinter der Straßensperre und bereits tief im vom System beherrschten Gebiet. Wir waren nicht besonders besorgt, auf irgendwelchen Widerstand in den Bergen zu stoßen, da wir wußten, daß die größte Ansammlung von Systemtruppen beim China-See auf der anderen Seite der Sierra war. Wir beabsichtigten, vorher nach Norden abzubiegen, und auf der Hauptstraße Nr. 395 weiter zu fahren. Unser Plan war, daß, wenn wir einem Nachschubslastwagen begegnen sollten, der zurück in Richtung der Straßensperre nahe Bakersfield fuhr, wir ihn einfach von der schmalen Bergstraße schießen würden, bevor die Insassen merkten daß wir der "Feind" sind. Wir fünf hatten unsere automatischen Gewehre entsichert und waren bereit, außerdem hatten wir zwei Raketenwerfer. Aber wir trafen auf keinerlei andere Fahrzeuge.
Wir wußten, daß trotz des ungewöhnlichen Fehlens von Verkehr in den Bergen wir mit Sicherheit auf starken Verkehr treffen würden, wenn wir die Interstate Nr. 395 erreichten, die Nord-Süd-Hauptstraße östlich der Berge. Unsere Spähtrupps hatten uns nur ein sehr allgemeines Bild von Truppenaufstellungen so weit östlich geben können, und wir hatten keine Ahnung, was wir an Straßensperren und anderen Kontrollen des Fahrzeugverkehrs zu erwarten hatten.
Jedoch wußten wir, daß zu jener Zeit weniger als zehn Prozent der Systemtruppen in den Grenzgebieten aus Weißen bestanden. Das System gewinnt allmählich wieder Vertrauen bei einem Teil seiner weißen Soldaten, aber es vermeidet immer noch, sie nahe der Grenze einzusetzen, wo sie versucht sein könnten, auf unsere Seite überzuwechseln. Die wenigen Weißen des Militärpersonals in diesem Raum, obwohl überzeugte "Rassenvermischer", wurden mit Argwohn betrachtet und von den Schwarzen mit der ihnen gebührenden Verachtung behandelt. Unsere Spione haben über einige Vorfälle berichtet, bei denen diese weißen Abtrünnigen von ihren schwarzen Kameraden gedemütigt und mißhandelt worden waren.
In Anbetracht dessen hatten wir uns gedacht, daß wir als Nichtweiße eine größere Chance hätten, uns an etwa auftretenden Posten vorbei zu mogeln. Deshalb färbten wir alle Gesicht und Hände dunkel und steckten mexikanisch lautende Namensschilder an unsere Kampfanzüge. Wir stellten uns vor, daß wir so als Mestizen durchgehen würden, zumindest solange wir nicht auf echte Mexikaner trafen. Vier Tage lang war ich "Jesus Garcia."
Unser Fahrer, "Gefreiter Rodriguez", spielte seine Rolle sehr echt. Wenn wir an einer faulenzenden Gruppe schwarzer Soldaten auf der Straße vorbeifuhren -- in zwei Fällen wurden wir an Kontrollpunkten angehalten -- grüßte er mit der linken geballten Faust und grinste mit entblößten Zähnen. Wir führten auch ein auf einen mexikanischen Sender eingestelltes Transistorradio mit uns, das, sobald wir in Hörweite von Systemsoldaten kamen, schwermütige mexikanische Musik hinausplärrte.
Einmal, als wir tanken mußten, waren wir für einen kurzen Moment versucht, bei einem militärischen Treibstoffdepot zu halten, aber wegen der langen Schlange wartender Lastwagen und Gruppen herumlungernder Schwarzer entschlossen wir uns im letzten Moment, dieses Risiko doch nicht einzugehen. Stattdessen hielten wir an einem Rasthaus mit Restaurant, Tankstelle und Raritätenladen, im Schatten des Whitney Berges. Der Ort schien wie verlassen zu sein, und deswegen begannen zwei unserer Männer unseren Tank an der Zapfsäule aufzufüllen, während ich und die anderen zum Restaurant gingen, um zu sehen, ob wir irgend etwas zum Essen für unterwegs auftreiben konnten.
Drinnen trafen wir vier Soldaten an, die ziemlich betrunken um einen Tisch saßen, der mit leeren Flaschen und Gläsern übersät war. Drei davon waren Schwarze, der vierte ein Weißer. "Gibt es hier jemanden, bei dem wir für Benzin und Essen bezahlen können?" fragte ich.
"Nein, Mensch, nimm nur was du willst. Wir haben die drei weißen Eigentümer hier vor drei Tagen hinausgejagt", erwiderte einer der Schwarzen.
"Aber vorher hatten wir noch ein wirklich schönes Vergnügen mit der Tochter, nicht wahr?" lallte der Weiße grinsend, wobei er einen seiner Kumpane verständnisvoll anstieß.
Vielleicht war es der feindselige Blick mit dem ich ihn ansah, vielleicht hatte er auch plötzlich die sehr blauen Augen des "Gefreiten Rodriguez" bemerkt, oder die unnatürliche Farbe in unserem Gesicht, die durch das Schwitzen strähnig geworden war, auf jeden Fall hörte der weiße Soldat plötzlich auf zu grinsen und flüsterte den Schwarzen etwas zu. Gleichzeitig lehnte er sich zurück und griff nach seinem Gewehr, das gegen einen Nebentisch gelehnt war.
Bevor er jedoch seine Waffe auch nur berührte, riß ich meine M16 von meiner Schulter und beharkte die Gruppe am Tisch mit einem Feuerstoß, der sie alle Blut spritzend zu Boden streckte. Die drei Schwarzen waren ganz offensichtlich tot, aber ihr weißer abtrünniger Begleiter, obgleich durch die Brust geschossen, richtete sich in eine sitzende Haltung auf und fragte in einem anklagenden, "He, Mann, was soll der Scheiß?"
"Gefreiter Rodriguez" machte ihm ein Ende. Er zog sein Bajonett aus der Gürtelscheide, ergriff den sterbenden Weißen bei den Haaren, riß ihn vom Boden hoch und stieß die Spitze des Bajonett`s unter sein Kinn. "Du Miststück von rassemischendem Dreck! Geh,' und vereinige dich mit deinen schwarzen `Brüdern'!" Und mit einem brutalen Hieb wurde er von "Rodriguez" förmlich enthauptet.
Fünf Meilen von hier entfernt an der Straßenkreuzung, an der wir nach Osten abbiegen wollten, blockierte ein mit zwei Schwarzen besetzter Jeep der Militärpolizei die Seitenstraße. Ein dritter Schwarzer regelte den Verkehr und dirigierte alle in den Norden fahrenden Militärfahrzeuge mit Handzeichen auf die Bundesstraße. Wir kümmerten uns nicht um seine Handzeichen, bogen rechts ab, und fuhren auf dem äußersten Rand des Seitenstreifens an dem Jeep vorbei. Der schwarze Verkehrspolizist trillerte heftig auf seiner Pfeife und die drei Militärpolizisten gestikulierten und fuchtelten mit ihren Armen wie wild zu uns herüber, aber unser "Gefreiter Rodriguez" grinste nur, hob die Hand zum Black-power-Gruß, rief ihnen zu: "Siesta frijole! Hasta la vista!" und ein paar andere spanische Worte, die ihm gerade in den Sinn kamen, zeigte bedeutungsvoll auf die vor ihnen liegende Straße und trat auf das Gaspedal. Wir ließen die Schwarzen in einem Hagel von Schotter und Staub zurück.
Der Schwarze mit der Pfeife trillerte noch immer und fuchtelte mit seinen Armen, als wir in einer Kurve verschwanden und ihn dann nicht mehr sahen. Offensichtlich dachten er und seine Leute, daß sich der Versuch, uns zu folgen, nicht lohne, aber unsere drei Männer, die sich hinten im Lastwagen versteckt hielten, behielten für alle Fälle ihre Finger am Abzug ihrer automatischen Gewehre.
Von da an bis zu den Vorstädten von St. Louis trafen wir auf keine weiteren Truppenansammlungen des Systems, aber das nur, weil wir große Hauptstraßen vermieden und uns nur an Nebenstraßen hielten. Wir rumpelten und holperten über die Berge und Wüsten Kaliforniens, Nevadas, Utahs und Colorados, und dann über die Ebenen von Kansas und die sanften Hügel Missouris, 75 Stunden lang in einem fort, und hielten nur an, um zu tanken und uns zu erleichtern. Während zwei von uns vorne saßen und ein dritter nach hinten Ausschau hielt, versuchten jeweils zwei von uns zu schlafen, aber ohne viel Erfolg.
Als wir den Osten Missouris erreichten, änderten wir unsere Taktik aus zwei Gründen. Erstens hörten wir die Radioansage von der Bombardierung Miami's und Charleston's und dem Ultimatum der Organisation an das System. Das machte den Zeitfaktor noch wichtiger als vorher. Wir konnten uns keine weiteren Verzögerungen durch Umwege über Nebenstraßen erlauben. Zweitens hat sich, nachdem die Hölle im Land losbrach, die Gefahr, durch die Behörden zwischen St. Louis und Washington angehalten zu werden, drastisch vermindert, was uns die Gelegenheit gab mit einer neuen Masche zu arbeiten.
Wir hatten während der Fahrt sowohl den zivilen als auch den Militärsender abgehört, und als wir etwa 80 Meilen westlich von St. Louis waren unterbrach ein Ansager mit einer Sondermeldung den Nachmittagswetterbericht. Am gestrigen Tag, um die Mittagszeit, war ohne Vorwarnung in Miami Beach eine Nuklearbombe zur Explosion gebracht worden, die schätzungsweise 60.000 Menschen tötete und einen enormen Schaden anrichtete. Eine zweite Bombe wurde gerade erst vor vier Stunden am Rande von Charleston, South Carolina, gezündet, aber Meldungen über Tote, Verletzte und den angerichteten Schaden gab es noch nicht.
Der Ansager erklärte, beide Bombenexplosionen wären das Werk der Organisation und er verlas dann den Text eines Ultimatums der Organisation. Ich notierte das Ultimatum während der Fahrt fast Wort für Wort auf einen Papierfetzen und das hört sich etwa so an:
"Wir, das Revolutionskommando der Organisation, richten an den Präsidenten und den Kongreß der Vereinigten Staaten und die Kommandeure aller U.S. Streitkräfte folgende Warnungen und stellen folgende Bedingungen:
"Erstens, stellen Sie jegliche Verstärkungen militärischer Kräfte in Ostkalifornien und den angrenzenden Gebieten sofort ein und lassen Sie alle Pläne zur Invasion der befreiten Zone Kaliforniens fallen.
"Zweitens, beenden Sie sofort alle Vorbereitungen für einen nuklearen Angriffs auf die befreite Zone Kaliforniens oder einen Teil davon.
"Drittens, geben Sie diese Bedingungen und diese Warnungen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Nachrichtenmitteln der ganzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten bekannt.
"Wenn Sie es bis morgen 27. August Mittag 12 Uhr versäumt haben, auch nur eine der drei Bedingungen zu erfüllen, werden wir einen zweiten atomaren Sprengkörper in einem bevölkerungsdichten Zentrum der Vereinigten Staaten zur Explosion bringen, von der Art wie wir einen vor wenigen Minuten im Gebiet von Miami, Florida zur Explosion gebracht haben. Wir werden danach fortfahren, alle zwölf Stunden einen atomaren Sprengkörper zur Explosion zu bringen, bis Sie alle Bedingungen erfüllt haben.
"Weiterhin warnen wir Sie: sollten Sie irgendeinen Überraschungsangriff auf die befreite Zone Kaliforniens durchführen, dann werden wir mehr als 500 atomare Sprengkörper, die bereits über die ganzen Vereinigten Staaten in Gebieten die eine Schlüsselrolle spielen verteilt sind, sofort zur Explosion bringen. Mehr als 40 dieser Sprengkörper sind jetzt im Raum New York plaziert. Zusätzlich werden wir sofort alle uns noch zur Verfügung stehenden Atomraketen abfeuern, um die jüdische Präsenz in Palestina zu zerschlagen.
"Weiter geben wir Ihnen bekannt, daß wir entschlossen sind, nach der Befreiung der ganzen Vereinigten Staaten auch alle anderen Länder dieses Planeten zu befreien. Wenn wir das bewerkstelligt haben, werden wir alle Feinde unserer Völker liquidieren, was besonders alle Weißen einschließen wird, die bewußt diese Feinde unterstützt haben.
"Wir haben jetzt schon alle Informationen, und werden weiterhin über Ihre geheimsten Pläne und Befehle, die Sie von ihren jüdischen Meistern empfangen, Kenntnis erhalten. Lassen Sie sofort jede Art von Rassenverrat fallen, oder geben Sie alle Hoffnung für sich selbst auf, wenn Sie in die Hände der Menschen fallen, an denen Sie Verrat begangen haben."
(Hinweis für den Leser: Turners Fassung des Ultimatums der Organisation ist im wesentlichen korrekt, außer ein paar leichten Fehlern in der Formulierung und der Auslassung eines Satzes im vorletzten Abschnitt. Der vollständige und genaue Text des Ultimatums ist im Kapitel 9 von Professor Anderson's maßgeblicher Geschichte der großen Revolution wiedergegeben.
Wir waren von der Straße heruntergefahren, als der Ansager die Sondernachricht im Radio brachte, und wir brauchten ein paar Minuten um unsere Gedanken zu ordnen und zu beschließen, was nun zu tun sei. Wir hatten wirklich nicht erwartet daß die Dinge sich so schnell entwickeln würden. Die Jungs, die die Sprengköpfe nach Miami und Charleston gebracht haben, müssen entweder einen Tag vor uns weggefahren sein oder sie müssen auf den Straßen nur so dahingerast sein um so zeitig anzukommen. Trotzdem wir auch non-stop gefahren waren, kamen wir uns im Vergleich zu ihnen wie ein Haufen Drückeberger vor.
Wir wissen, daß jetzt wirklich der Teufel los ist. Wir befinden uns inmitten eines atomaren Bürgerkrieges, und innerhalb der nächsten Tage wird über das Schicksal dieses Planeten für alle Zeiten entschieden werden. Nun werden entweder die Juden oder die weiße Rasse gewinnen, und alle sind sich klar, daß diesmal der Sieg ein endgültiger sein wird.
Ich verstehe immer noch nicht alle Einzelheiten unserer Strategie, die mit diesem Ultimatum endete. Zum Beispiel weiß ich nicht, warum man Miami und Charleston als erste Ziele auswählte, obgleich ich ein Gerücht hörte, daß man die reichen Juden, die aus New York evakuiert wurden, vorübergehend im Gebiet von Charleston unterbrachte. In Miami gab es natürlich sowieso schon einen Überfluß an Juden. Aber warum, frage ich mich, zerstört man statt dessen nicht das Stadtgebiet von New York, mit seinen zweieinhalb Millionen Superjuden? Waren vielleicht unsere Bomben in New York noch gar nicht plaziert worden, wenn auch das Ultimatum etwas anderes aussagte?
Ich weiß auch nicht, warum das Ultimatum diese spezielle Form hatte, "nur Peitsche und kein Zuckerbrot." Vielleicht wollte man vorsätzlich eine Stampede der Rindviecher auslösen -- was ja auch in der Tat eintrat. Oder gab es vielleicht einige Nebenabsprachen zwischen dem Revolutionskommando und den militärischen Führern des Systems, die zur Festlegung des Ultimatums in dieser Form führten. Auf jeden Fall war die Auswirkung die, daß sich das System haargenau in der Mitte spaltete. Die Juden und fast alle Politiker gehören der einen Fraktion an und fast alle militärischen Führer der anderen.
Die jüdische Fraktion verlangt die sofortige atomare Auslöschung Kaliforniens ohne jegliche Berücksichtigung der Folgen. Der verdammte Goi hat seine Hand gegen das auserwählte Volk erhoben und muß daher um jeden Preis vernichtet werden. Die militärische Faktion dagegen ist für einen vorübergehenden Waffenstillstand, um während dessen jede mögliche Anstrengung zu machen um unsere "500 Atomsprengkörper" (eine verzeihbaren Übertreibung) zu finden und zu entschärfen.
Nachdem wir die Sendung hörten, hatten wir nur noch einen Gedanken; unsere tödliche Fracht so schnell wie möglich nach Washington zu bringen. Wir wußten, daß auf Grund der eben stattgefundenen Geschehnisse alles aus dem Gleichgewicht geworfen war, und wir beschlossen uns die allgemeine Verwirrung zu Nutze zu machen, indem wir unseren Lastwagen in ein Lazarettfahrzeug verwandelten und geradewegs auf der Hauptstraße unserem Bestimmungsort zudonnerten. Wir hatten keine Sirene, aber wir hatten vorne und hinten rote Blinklichter und wir vervollständigten unsere Verwandlung ein paar Minuten später, indem wir an einem ländlichen Eisenwarenladen hielten und einige Farbsprühdosen kauften, mit denen wir schnell mit Hilfe aus Zeitungspapier herausgeschnittenen Schablonen Rotkreuzzeichen an die geeigneten Stellen unseres Fahrzeuges malten.
Danach schafften wir es, trotz der chaotischen Zustände auf den Hauptstraßen, in weniger als 20 Stunden in Washington zu sein. Wir rasten auf Seitenstreifen dahin, um Staus zu umgehen, fuhren mit schmetternder Hupe und blinkenden Lichtern auf der falschen Straßenseite, holperten über Kanaldeckel und Felder um vor verstopften Kreuzungen auszuweichen, und ignorierten im allgemeinen alle Verkehrspolizisten. So gelang es uns, durch ein gelungenes Täuschungsmanöver unseren Weg durch mehr als ein Dutzend Kontrollpunkte zu bahnen.
Unsere erste Bombe sollte in Fort Belvoir, der großen Militärbasis gleich südlich von Washington, gelegt werden, dort wo ich über ein Jahr lang inhaftiert war. Wir mußten zwei unerträgliche Tage warten, bis wir Kontakt mit unserem Verbindungsmann drinnen aufnehmen konnten, um dann die Bombe in die Basis zu bringen und an der richtigen Stelle zu verstecken.
"Rodriguez" kletterte mit der auf seinen Rücken geschnallten Bombe über den Zaun. Am nächsten Tag erhielt ich von ihm ein Funksignal, mit dem er den erfolgreichen Abschluß der Mission meldete. Währenddessen legten die übrigen von uns eine Bombe im District of Columbia, die dort ein paar Hunderttausend Schwarze töten wird, ganz abgesehen davon, daß auch einige Regierungsstellen und ein entscheidender Teil des öffentlichen Verkehrsnetzes zerstört werden wird.
In Bezug auf die dritte Bombe hatte ich bis heute Nachmittag noch keinen Einsatzbefehl bekommen. Sie wird im Raum Silver Spring, dem Zentrum des jüdischen Gemeinwesens von Maryland nördlich von hier, installiert werden. Die Vierte ist für das Pentagon gedacht, aber die Sicherheitsvorkehrungen sind so streng, daß es mir immer noch nicht gelungen ist, eine Möglichkeit zu finden, sie an einen Ort in seiner Nähe zu bringen.
Ich muß zugeben, daß meine Gedanken seit ich nach hier zurückgekommen bin, nicht ausschließlich auf meine Arbeit gerichtet sind. Trotz aller Verpflichtungen gegenüber der Organisation haben Katherine und ich uns etwas Zeit gestohlen um auch mal beieinander sein zu können. Weder sie noch ich waren uns dessen bewußt, wieviel wir einander bedeuteten, bevor wir uns in diesem Sommer, so schnell nach meiner Flucht aus dem Gefängnis, wieder trennen mußten. In den Frühlingsmonaten, die wir miteinander verbrachten bevor ich nach Texas, dann nach Colorado und schließlich nach Kalifornien geschickt wurde, sind wir uns so nahe gekommen, wie es bei zwei Menschen nur möglich ist.
Hier waren die Lebensverhältnisse für Katherine und die anderen immer schwieriger geworden, besonders nach dem 4. Juli. Seitdem stehen sie unter enormen Druck von zwei Seiten. Die Organisation hat sie gnadenlos dazu gedrängt, ihre aktivistischen Tätigkeiten ständig zu steigern, während sich andererseits die Gefahr, durch die politische Polizei geschnappt zu werden, mit jeder Woche vergrößerte.
Das System wendet in seinem Kampf gegen uns immer neue Methoden an: massive, in Wohnsiedlungen von Wohnung zu Wohnung durchgeführte Hausdurchsuchungen, astronomisch hohe Belohnungen für Spitzel und viel schärfere Überwachung der Bewegungsfreiheit der Zivilbevölkerung. In vielen anderen Teilen des Landes werden diese Unterdrückungsmaßnahmen nur noch sporadisch angewandt und sind in den Gebieten, wo das System nicht mehr in der Lage ist, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, völlig zusammengebrochen -- besonders seit die die Bombardierungen von Miami und Charleston wirklich verworrene Zustände herbeigeführt haben. Aber um Washington herum hat das System noch alles sehr fest im Griff, und das ist sehr hart für uns.
Heute am späten Nachmittag haben Katherine und ich uns aus den Laden gestohlen und sind für ein paar Stunden spazieren gegangen. Wir schlenderten an mehreren Gruppen Soldaten vorbei, die zu den mit Sandsäcken befestigten Maschinengewehrständen vor Bürogebäuden gehörten; dann weiter vorüber an den rauchgeschwärzten Trümmern einer Station der Untergrundbahn, in die Katherine erst vor zwei Wochen selbst eine Dynamitbombe gelegt hatte; danach durch ein parkähnliches Gelände, wo ein Lautsprecher, der hoch an einem Straßenbeleuchtungsmast angebracht war, Appelle an "alle rechtdenkenden Bürger" hinausplärrte, die geringsten Anzeichen von Rassismus bei ihren Nachbarn oder Mitarbeitern sofort der politischen Polizei zu melden. Dann kamen wir schließlich hinaus auf eine der Hauptstraßenbrücken, die über den Potomac-Fluß von Virginia in den District of Columbia führte. Es gab keinen Verkehr auf der Brücke, da sie abrupt 50 Meter vor der Virginia-Uferseite in einem Gewirr von zertrümmerten Beton und Stahlarmierung endete. Die Organisation hat sie im Juli in die Luft gesprengt, und seither ist keine Anstrengung gemacht worden, sie zu reparieren.
Dort auf dem Ende der Brücke war es ziemlich ruhig, wo man nur das Heulen von Polizeisirenen aus der Ferne hörte oder das Knattern eines Polizeihubschraubers, der gelegentlich über uns hinwegflog. Wir unterhielten uns, wir umarmten uns und wir beobachteten die Szenerie um uns, während die Sonne unterging. In den letzten Monaten haben wir und unsere Kameraden auf die Welt um uns ganz sicher einen starken Einfluß ausgeübt, hier auf zwei Seiten, die vorstädtische Welt der weißen Normalbürger auf der Brückenseite von Virginia und die geschäftige Welt der Regierungsstellen auf der anderen Seite. Dennoch ist das System um uns herum allzu offensichtlich nach wie vor am Leben. Was für ein Kontrast zur Situation in Kalifornien.
Katherine stellte zu den Lebensbedingungen in der befreiten Zone viele Fragen, und ich versuchte ihr das, so gut ich konnte, zu erklären. Doch befürchte ich, daß ich in bloßen Worten nicht ausdrücken kann wie ich mich in Kalifornien fühle und wie dagegen hier. Es ist mehr eine geistige Angelegenheit als der bloße Unterschied im politischen und gesellschaftlichen Leben.
Als wir da eng aneinander geschmiegt auf dem Ende der Brücke über dem wirbelnden Wasser standen, und die Welt um uns herum dunkel wurde, kam eine Gruppe junger Neger von der Seite Washingtons auf den anderen Stumpf der Brücke. Sie begannen in typischer Negermanier herumzualbern und einige urinierten in den Fluß. Schließlich entdeckte uns einer von ihnen und sie fingen alle an zu schreien und obszöne Gesten zu machen. Das war es im tiefsten Sinne, was den Unterschied zwischen der befreiten Zone und dort drüben so nachdrücklich unterstrich, daß ich dafür nicht die passenden Worte finden konnte.
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