7. Juli 1993: Es sieht so aus, als wenn ich hier bis morgen bleibe, so daß ich mir eine Stunde Zeit nehmen kann um die Ereignisse der letzten paar Tage festzuhalten.
Das hier ist wirklich eine protziges Quartier. Es ist ein Terrassenappartement, von dem aus wir fast ganz Los Angeles überblicken können. Das ist der Grund, warum wir es als Kommandoposten benutzen. Aber der Luxus ist unglaublich: Bettücher aus Satin, echte Pelzdecken, vergoldete Badarmaturen, Wandhähne in jedem Zimmer aus denen Bourbon, schottischer Whisky und Wodka fließen, und an den Wänden riesige eingerahmte pornographische Fotografien.
Das Appartement gehörte einem Jerry Siegelbaum, einem Geschäftsvermittler für die örtliche Gewerkschaft für Verwaltungsangestellte, und er ist der Star auf den schmutzigen Fotos an den Wänden. Anscheinend hat er blonde, christliche Mädchen bevorzugt, obgleich seine Partnerin auf einem der Bilder eine Negerin ist, und er auf einem anderen mit einem jungen Mann zu sehen ist. Was für ein Vertreter der Arbeiter! Ich hoffe, daß ihn bald jemand aus dem Korridor nach draußen schafft: die Klimaanlage ist seit Montag ausgefallen, und er fängt an abscheulich zu stinken.
Diese riesige Stadt zeigt jetzt ein völlig anderes Erscheinungsbild als beim letzten Mal als ich von ihr eine Gesamtansicht bei Nacht hatte. Das Lichtermeer, das die Umrisse der Hauptstraßen zeigte, ist verschwunden. Nun ist die allgemeine Dunkelheit nur durch hunderte von Feuern erhellt, die aufs Geratewohl über die Stadt verteilt sind. Ich weiß, daß da unten Tausende von Fahrzeugen unterwegs sind, aber sie fahren ohne Licht, damit auf sie nicht geschossen werden kann.
In den letzten vier Tagen hat man praktisch dauernd das Heulen der Sirenen der Polizei und der Notdienstfahrzeuge gehört, das sich mit dem Lärm von Gewehrfeuer, der Explosionen und dem Rotorengeräusch der Hubschrauber vermischte. Heute Abend hört man nur Gewehrfeuer, und davon auch nur wenig. Es scheint, als habe die Schlacht hier ein entscheidendes Stadium erreicht.
Am Montagmorgen um 2.00 Uhr haben mehr als sechzig unserer Kampfeinheiten gleichzeitig im ganzen Gebiet von Los Angeles angegriffen, während hunderte anderer Einheiten Ziele überall im Land von Kanada bis Mexiko und von Küste zu Küste angriffen. Von dem was wir woanders erreicht haben, habe ich noch nichts gehört, weil das System eine komplette Nachrichtensperre über alle Nachrichtenmedien verhängt hat. Natürlich nur über die nicht von uns besetzten, aber ich hatte bis jetzt noch keine Gelegenheit, mit irgend jemand von unseren Leuten, die zum Revolutionskommando Kontakt haben, zu sprechen. Trotzdem haben wir hier in Los Angeles überraschenderweise gut abgeschnitten.
Unser erster Angriff hat alle Wasser- und elektrische Versorgung im Stadtgebiet unterbrochen, die Hauptflughäfen ausgeschaltet und alle Hauptautobahnen unbefahrbar gemacht. Wir haben Telefonvermittlungen ausgeschaltet und alle Benzinlager hochgejagt. Das Hafengelände ist nun schon seit vier Tagen wie ein einziges Flammenmeer.
Wir haben mindestens 15 Polizeistationen besetzt. Mehrheitlich nahmen wir den Polizisten nur ihre Waffen ab, zerstörten ihre Nachrichtengeräte und solche Fahrzeuge die zur fraglichen Zeit nicht auf Streife waren, und zogen uns dann zurück. Aber offenbar sitzen einige unserer Leute immer noch in verschiedenen Polizeigebäuden und verwenden sie als örtliche Kommandoposten.
Als es los ging, rannten Polizisten und Feuerwehrmänner zuerst kopflos wie die Hühner herum, und Sirenen und blinkende Lichter waren überall zu sehen. Jedoch waren bis Montagnachmittag die Nachrichtenverbindungen stark zusammengebrochen, und es gab so viele Feuer daß die Polizei und Feuerwehr viel gezielter zu den Brandstellen ausrücken mußte. In vielen Stadtgebieten konnten daher unsere Truppen ihre Arbeit praktisch ohne Störung verrichten. Jetzt sind die meisten Polizei- und Notdienstfahrzeuge sogar ohne Benzin und können überhaupt nicht mehr fahren. Diejenigen die noch Treibstoff haben scheinen sich versteckt zu haben.
Der Schlüssel zum Erfolg, um die Polizei zu neutralisieren und eigentlich auch in allen anderen Dingen, war unsere Tätigkeit innerhalb des Militärs. Schon am Montagnachmittag war es für jedermann offensichtlich daß sich eine große Veränderung beim Militär vollzog. Zum einen wurden gegen uns keine militärischen Einheiten eingesetzt, außer den Truppen und Panzern die wie immer Elektrizitätswerke, Fernsehsender usw. bewachten. Zum andern gab es sichtliche Anzeichen von bewaffneten Konflikten innerhalb aller Militärstandorte in diesem Raum.
Wir sahen und hörten wie Düsenjagdbomber tief auf die Stadt herabstießen, aber sie griffen uns nicht an, zumindest nicht direkt. Im Gegenteil haben sie etwa ein Dutzend Waffendepots der kalifornischen Nationalgarde im Stadtgebiet beharkt. Diese Düsenflugzeuge kamen offensichtlich vom El Torro Marine- Flugzeugstützpunkt südlich von hier. Später haben wir mehrere Luftkämpfe am Himmel über Los Angeles beobachtet, und hörten daß Camp Pendelten, der große Marinestandort etwa 70 Meilen südwestlich von hier, von schweren Bombern des Edwards-Luftwaffenstützpunkts angegriffen wurde. Im großen und ganzen ein sehr verwirrendes Szenario für alle Beteiligten.
Aber Montagabend rannte ich rein zufällig ausgerechnet Henry in die Arme, und er erzählte mir etwas über die militärische Situation. Guter alter Henry, wie erfreut war ich ihn wiederzusehen!
Wir trafen uns im Gebäude des KNX-Senders, wo ich unserem Sendeteam half, die Station wieder sendefähig zu machen nachdem wir sie besetzt hatten. Nebenbei gesagt, das ist schon seit vier Tagen meine Arbeit: Ich repariere zerschossene Sender, richte Sendefrequenzen ein und mache allerlei Geräte wieder betriebsfähig. Wir senden jetzt mit einer FM-Station und zwei AM-Stationen, die alle von Notstromgeneratoren versorgt werden. In allen drei Fällen haben wir die Kabel in den Studios abgeschnitten und die Sendeteams direkt in den Senderäumen etabliert.
Henry kam mit einem Jeep mit Getöse herauf zum KNX-Sender gerast, wobei er eine Uniform der US Armee mit den Insignien eines Obersten trug, und von drei Soldaten, die Maschinengewehre und Panzerfäuste trugen, begleitet war. Er brachte einen Text der ausgesendet werden soll und der sich in erster Linie an Militärpersonal richtete.
Sobald ich mit dem Anschließen unserer Mikrophon- und Audioanlage an den Sendereingang fertig war, traten Henry und ich zur Seite um miteinander zu sprechen, während Henrys Text von unserem Ansager vorgetragen wurde. Er bestand aus einem Appell an alle weißen Angehörigen des Militärs, unserer Revolution beizutreten soweit dies noch nicht geschehen war, mit einer gleichzeitigen Vorwarnung an alle jene, die es versäumten den Appell zu beherzigen. Die Mitteilung war sehr gut entworfen, und ich bin mir sicher daß sie einen höchst wirkungsvollen Eindruck auf die Hörer vom Militär, aber auch auf die Zivilisten machte.
Wie sich herausstellte, war Henry schon seit über einem Jahr verantwortlich für die ganzen Rekrutierungsbemühungen bei den bewaffneten Streitkräften, wobei sich seine Tätigkeit auf die Westküste konzentrierte, wohin er im vergangenen März überstellt wurde. Die Geschichte die er mir erzählte war lang, aber man könnte sie in Verbindung mit dem, was ich seitdem erlebt habe, im wesentlichen folgendendermaßen zusammenfassen:
Schon seit der Gründung der Organisation haben wir auf zwei Ebenen mit der Rekrutierung innerhalb des Militärs begonnen. Auf der unteren Ebene operierten wir vor September 1991 halbwegs öffentlich und danach heimlich. Das beinhaltete die Verbreitung unserer Propaganda unter Zeitsoldaten und Unteroffizieren, hauptsächlich von Mann zu Mann. Doch Henry sagte mir, daß wir auch auf höherer Ebene mit äußerster Heimlichkeit rekrutiert haben.
Die Strategie des Revolutionskommandos hing davon ab, ob es uns gelang einige hochrangige militärische Führer für uns zu gewinnen. Am Montag konnten wir nun diese Trumpfkarte ausspielen. Deswegen wurden die bewaffneten Streitkräfte nicht gegen uns eingesetzt. Auch haben in den vergangenen vier Tagen verschiedene militärische Einheiten aufeinander geschossen und Bomben geworfen.
Dieser interne Armeekonflikt begann zwischen Einheiten die von unseren Sympathisanten geführt wurden und solchen die loyal (bei weitem der größere Teil) zum System standen. Doch entstand bald noch eine weitere Konfliktslage die die erstere überschattete: Schwarze gegen Weiße.
Militärische Einheiten, die von Offizieren geführt wurden die der Organisation positiv gegenüberstanden, begannen das ganze schwarze Militär zu entwaffnen sobald wir am Montagmorgen angriffen. Der Vorwand dafür war daß schwarze Militanten in anderen Einheiten gemeutert hätten. Deshalb wäre der Befehl von höherer Stelle gekommen, alle Schwarzen zu entwaffnen um die Ausbreitung der Meuterei zu verhindern. Im allgemeinen waren die weißen Soldaten dazu bereit, hatten auch keinen Grund die Geschichte anzuzweifeln, und man mußte es ihnen nicht zweimal sagen, ihre Gewehre auf die Schwarzen in ihren Einheiten zu richten. Die wenigen, die wegen ihrer liberalen Neigungen zögerten, wurden auf der Stelle erschossen.
In anderen Einheiten begannen unsere Soldaten einfach alle Schwarzen zu erschießen die sie in Uniform antrafen, und desertierten dann zu Einheiten die von unseren Sympathisanten befehligt wurden. Die Schwarzen reagierten auf solche Art und Weise, daß die Geschichte einer schwarzen Meuterei nun zur Wahrheit wurde. Sogar in den Einheiten, die von Offizieren geführt wurden die dem System positiv gegenüberstanden, brachen schwere Kämpfe zwischen Schwarzen und Weißen aus.
Da einige Einheiten fast zur Hälfte aus Schwarzen bestanden war der Kampf blutig und zog sich in die Länge. Das Resultat war, daß, obgleich die Einheiten die von unseren Sympathisanten geführt wurden anfänglich nur 5% der Stärke der Pro-System-Einheiten hatten, die meisten der Letzteren durch interne Kämpfe zwischen schwarz und weiß lahmgelegt waren. Daraufhin laufen jetzt immer mehr Weiße zu unseren Einheiten über.
Unsere Sendungen haben zu diesem Prozeß stark beigetragen. Wir haben natürlich hinsichtlich unserer eigenen Stärke übertrieben, und den weißen Soldaten die zu uns kommen wollten gesagt wohin sie zu gehen hätten. Um sie leichter zum Überlaufen zu veranlassen und die Aufmerksamkeit der Neger abzulenken, haben wir einen unserer Sender in eine scheinbare Negerstation verwandelt und haben einen Aufruf zu einer schwarzen Revolution gesendet, womit die Schwarzen aufgefordert wurden ihre weißen Offiziere und Unteroffiziere zu erschießen bevor die Weißen sie entwaffnen könnten.
Die fast einzige militärische Einheit im Gebiet von Los Angeles, die in der Lage war irgendwie gegen uns effektiv Widerstand zu leisten, waren einige Jäger- und Bombereinheiten der Luftwaffe, und die Luftwaffeneinheit der Marine in El Torro. Sie haben militärische Einheiten angegriffen, von denen sie annahmen, sie wären zu uns übergelaufen. Aber nach Henrys Meinung haben sie bei ihren Pro-System-Streitkräften fast so viel Schaden angerichtet wie bei unseren.
Henry lachte leise vor sich hin, als er mir erläuterte daß die Organisation bei ihren Rekrutierungsversuchen in der kalifornischen Nationalgarde noch nie soviel Fortschritte machen konnte, und daß damit zu rechnen war, es würden irgendwelche Einheiten der Garde zu uns überlaufen. Darum hat die Organisation als eine Präventivmaßnahme einfach den Kommandeur der örtlichen Garde, General Howell entführt, kurz vor dem Angriff am Montagmorgen.
Als das System Howell nicht mehr ausfindig machen konnte, bestand bei ihnen offenbar die Befürchtung, er hätte sich uns angeschlossen. Ihre Befürchtungen wurden für sie unzweifelhaft bestätigt als sie hörten, er habe am Montag nach Mitternacht mit drei Fremden in aller Eile sein Haus verlassen, weniger als eine Stunde bevor das ganze Höllenspektakel losbrach. Jedenfalls hat ihr Argwohn sie überzeugt, und sie gaben daher loyalen Luftwaffeneinheiten am Montag nachmittag den Befehl, alle Waffenlager und Depots der Nationalgarde zu bombardieren.
Auch in Camp Pendleton hatten wir noch keinesfalls die Oberhand gewonnen, als das System schon in Panik geriet und die Bomber herbeirief. Ich bin überzeugt daß diese Fehlhandlung die Dinge zu unseren Gunsten gekippt haben. Es finden zwar immer noch schwere Kämpfe im Raum Pendleton statt, aber offenbar haben wir auch dort jetzt die Oberhand gewonnen.
Ich weiß nicht, von welchem Standort die Panzerkolonne kam, die für uns heute das Hauptquartier der Polizei von Los Angeles lahmlegte, aber sie kam wirklich wie von Gott gesandt. Wir hätten es ohne sie niemals geschafft.
Von Anfang an war die Polizei von Los Angeles der einzig wirklich organisierte Gegner für uns. Die kleineren Polizeikräfte in den umliegenden Zuständigkeitsbereichen waren kein besonderes Problem. Einige haben wir komplett außer Aktion gesetzt, andere haben nach ein paar anfänglichen Gefechten beschlossen sich versteckt zu halten und sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Aber die ungefähr 10.000 Mann der L.A.P.D. (Los Angeles Police Department) waren bis vor wenigen Stunden in voller Aktion gegen uns, was uns schwer zu schaffen machte. Hier hatten wir in den letzten vier Tagen mindestens 100 Gefallene, das beträgt zwischen 15-u. 20% unserer örtlichen Gefechtsstärke.
Ich weiß nicht, wieso wir hier mit der Polizei nicht das gleiche tun konnten was wir doch offenbar beim Militär geschafft haben. Vielleicht war es nur ein Mangel an Kadern bei uns. Oder man hat der Rekrutierung von Militär die Priorität gegeben als vor der Rekrutierung der Polizei. Jedenfalls wurde das Hauptquartier der Polizei hier fast sofort zum Zentrum des konterrevolutionären Widerstandes.
Die Bullen der Stadt Los Angeles vereinten sich mit einigen Sheriffseinheiten aus dem Verwaltungsbezirk und sogar mit einigen Einheiten der Bundesautobahnpolizei, und wandelten das Gebäude des Hauptquartiers der Polizei in eine Festung um, die, trotz aller Mittel die wir dagegen aufbieten konnten, für uns uneinnehmbar war. In der Tat bedeutete es für jeden von unseren Leuten den fast sicheren Tod, sich zu ihm bis in die Entfernung von einigen Häuserblocks vorzuwagen. Unsere Widersacher hatten ein großes Treibstofflager, eine Notstromversorgung für ihre Nachrichtengeräte und sie waren uns in der Manschaftsstärke weit überlegen.
Sie setzten Hubschrauber zur Aufklärung ein, erkannten damit unsere verschiedenen Stützpunkte und die Gebäude die wir besetzt hatten, und schickten Sturmtruppen aus, die bis zu 50 Fahrzeuge und 200 -- 300 Mann umfaßten. Unsere Demolierungen von so gut wie allen Autobahnüberführungen hatte sie in ihrer Mobilität zwar stark eingeschränkt, aber ihre Luftaufklärer waren in der Lage sie um viele Hindernisse herumzudirigieren.
Gewisse Stellungen von wirklich entscheidender Bedeutung, einschließlich der Sender die wir besetzt hatten, konnten wir nur durch gut verschanzte Maschinengewehrstellungen, welche die Zufahrtsstraßen in Schach hielten, schützen. Es war ein Glück für uns, daß die Polizei nur einige gepanzerte Fahrzeuge hatte, da die meisten unserer Leute ohne die Waffen waren um mit Panzern fertig werden zu können. Erst ab heute waren panzerbrechende Waffen für unsere Truppen allgemein verfügbar.
Wenn es der Polizei von Los Angeles gelungen wäre, sich mit irgendwelchen loyal zum System stehenden militärischen Einheiten zu verbinden, würde das unser Ende bedeutet haben. Glücklicherweise sind diesem Versuch ein Dutzend alter "M60-er" einer Einheit, die zu uns übergelaufen war, zuvorgekommen. Sie haben die Straßensperren die die Polizei um ihr Hauptquartier errichtet hatte einfach überrollt, durchlöcherten das Gebäude mit hochexplosiven- und Brandgeschossen und durchsiebten hunderte von Polizeifahrzeugen in der Gegend durch Maschinengewehrfeuer.
Die Nachrichtenverbindungen und die Stromversorgung der Polizei wurden zerstört, und ihr Gebäude an einem Dutzend Stellen in Brand gesetzt. Sie mußten das Gebäude aufgeben, und wir ließen 81 mm- Granatwerferfeuer auf die umliegenden Parkplätze und Straßen herabregnen bis die ganze Gegend für sie unhaltbar wurde. Der Ort liegt jetzt verlassen da und brennt immer noch. Den meisten Polizisten gelang es anscheinend ihre Wohnung zu erreichen und zogen sich zur Tarnung Zivilkleidung an.
Jetzt, da hier jeder organisierte Widerstand gegen uns lahm gelegt ist, wird es, um dieses Gebiet effektiv unter unsere Kontrolle zu bekommen, ganz davon abhängen ob uns das gelingt bevor militärische Einheiten aus anderen Teilen des Landes hierher geschickt werden. Ich verstehe nicht, wieso das sowieso noch nicht passiert ist.
Vor nur ein paar Stunden wurde mir gesagt daß ich mich am Morgen bei einer Gruppe unserer technischen Leute zu melden hätte, die die Aufgabe hat die Einzelheiten zur teilweisen Wiederherstellung der Strom- und Wasserversorgung in diesem Raum zu planen, die Straßen für Fahrzeugverkehr wieder herzustellen und verbliebene Vorräte an Benzin und Dieseltreibstoff ausfindig zu machen und sicher zu stellen. Das hört sich mehr nach einem Job für einen Bauingenieur an als nach einem für mich.
Das hört sich auch als etwas verfrüht an, aber es ist doch ermutigend zu wissen daß das Revolutionskommando anscheinend zuversichtlich in die Zukunft blickt. Vielleicht werde ich morgen mehr über die allgemeine Situation wissen.
10. Juli: Nun, ja, es ist wirklich viel passiert, einige gute Dinge und einige schlechte, aber bis jetzt mehrheitlich gute.
Die militärische- und polizeiliche Situation scheint hier im Grunde unter Kontrolle zu sein, was tatsächlich auch für den größten Teil der Westküste gilt, obgleich um San Francisco herum und in ein paar anderen Gebieten offenbar immer noch heftig gekämpft wird.
Es gibt hier immer noch bewaffnete Truppen, einige Polizisten und einiges militärisches Personal, das herumzieht und ein wenig Ärger verursacht. Aber wir haben alle Standorte und Militärflughäfen hier in der Hand und werden umherstreunendes Personal innerhalb von ein oder zwei Tagen gefangen nehmen. Es wurde jetzt der Befehl ausgegeben, jeden, der bewaffnet angetroffen wird, ohne Anruf zu erschießen, es sei denn er trägt eine unserer Armbinden.
Das war eine sehr erfreuliche Änderung in den letzten Tagen gegenüber vorher, als wir diejenigen waren, die damit rechnen mußten ohne Anruf erschossen zu werden. Nach all den Jahren des Versteckens, des Herumschleichens in falschen Kleidern, und des Unbehagens, jedesmal wenn wir einen Polizisten sahen, ist es jetzt ein wunderbares Gefühl, frei herumzulaufen und diejenigen zu sein die Schußwaffen tragen.
Das große Problem waren hier die Zivilisten. Die Zivilbevölkerung lief total Amok, was man den Leuten eigentlich kaum verdenken kann, und ich bin überrascht daß sie sich mehr oder weniger solange zusammengenommen haben. Schließlich waren sie für eine Woche ohne Strom und Wasser. Ein sehr beträchtlicher Teil von ihnen hatte auch mehrere Tage nichts zu essen.
In den ersten paar Tagen -- Montag und Dienstag -- hat die Zivilbevölkerung eben das getan was wir bereits von ihr erwartet hatten. Hunderttausende quetschten sich in ihre Autos und drängten auf die Autobahn. Natürlich sind sie nicht sehr weit gekommen, weil wir einige der wichtigsten Autobahnkreuzungen in die Luft gejagt hatten. Aber sie verursachten eine Anzahl der gewaltigsten Verkehrsstockungen die man sich vorstellen kann, und haben dadurch eigentlich unsere Aufgabe zu Ende geführt, nämlich es der Polizei fast unmöglich zu machen sich zu Lande zu bewegen.
Bis Dienstag nachmittag war der größte Teil der weißen Bevölkerung in ihre Wohnungen zurückgekehrt, oder zumindest in ihre Wohngegend, wobei viele von ihnen ihre ohne Benzin stehengebliebenen Autos auf den Straßen zurückließen und zurückmarschierten. Sie mußten erstens feststellen daß es keine durchführbare Art und Weise gibt, das Gebiet von Los Angeles mit dem Auto zu verlassen, zweitens daß sie keinen Treibstoff tanken konnten, weil die elektrischen Benzinpumpen der Tankstellen nicht funktionierten, drittens daß die meisten Kaufhäuser und Läden dicht waren, und viertens daß etwas wirklich außergewöhnlich Großes im Gange war. Sie blieben dann zu Hause, ließen ihre Transistorradios eingeschaltet und machten sich Sorgen. Es fanden erstaunlich wenig Verbrechen und Gewalttaten statt, außer in schwarzen Gebieten, wo Unruhen, Plünderungen und Brandschatzungen am frühen Nachmittag des Montags begannen, zunehmend heftiger wurden und sich immer weiter ausbreiteten.
Jedoch, bereits am frühen Donnerstag morgen gab es auch in weißen Gebieten ziemlich viele Plünderungen, mehrheitlich von Lebensmittelgeschäften. Einige Leute hatten bis dahin schon seit 48 Stunden nichts mehr gegessen, und handelten wirklich aus Verzweiflung und nicht aus kriminellem Anstoß.
Da wir nicht vor Donnerstag abend sicher waren die Polizei bezwungen zu haben, haben wir nichts unternommen um diese Unruhen unter der Zivilbevölkerung zu unterbinden. Je mehr Leute sich hungrig und verzweifelt auf den Straßen befinden, die Schaufenster der Geschäfte einschlagen und Nahrungsmittel klauen, nach trinkbarem Wasser und neuen Batterien für ihre Radios suchen, und sich mit anderen Leuten prügeln die auf die gleichen Dingen aus sind, desto weniger Zeit hat die Polizei für uns. Das war ja auch von Anfang an unser Hauptgedanke bei der Zerstörung der Strom- und Wasserversorgung und Transporteinrichtungen.
Wenn die Polizei nur damit zu tun gehabt hätte uns in den Griff zu kriegen, hätten wir nicht siegen können. Aber sie schafften es nicht, mit uns und dem allgemeinen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung gleichzeitig fertig zu werden.
Jetzt aber sind wir es, welche die Aufgabe der Wiederherstellung der Ordnung zu leisten haben und das wird eine Sauarbeit sein. Die Leute haben aus Angst und Panik absolut den Verstand verloren. Sie benehmen sich in einer gänzlich unvernünftigen Art und Weise, und so wird noch eine große Anzahl von Menschenleben vergehen bevor wir alles unter Kontrolle haben. Leider wird uns dabei auch der Tod von Erschöpften und Verhungerten teilweise sogar behilflich sein, da unsere Arbeitskraft und die materiellen Reserven für diese Aufgabe völlig unzureichend sind.
Heute war ich mit einer Gruppe zur Auftreibung von Treibstoff unterwegs, und dabei konnte ich unser Problem mit der Zivilbevölkerung vor Ort mit ansehen. Das hat mich wirklich erschüttert. Wir fuhren im Gebiet von Pasadena mit einem großen Tanklastzug, eskortiert von einem bewaffneten Jeep, von einer Tankstelle zur anderen und pumpten das Benzin in unseren Tankwagen. Es ist genug Treibstoff in diesem Gebiet vorhanden um unseren Bedarf für eine Weile zu decken, aber die Zivilisten müssen bis auf weiteres ohne Benzin für ihre Autos auskommen.
Pasadena war früher hauptsächlich von Weißen bewohnt, ist jetzt aber weitgehend schwarz. Wenn wir bei unserer Aktion in den schwarzen Gebieten, in der Nähe der Tankstellen auf Schwarze stießen, eröffneten wir auf sie einfach das Feuer um sie auf Distanz zu halten. In den weißen Gebieten wurden wir von hungrigen Weißen umringt, die uns um Essen anbettelten, was wir ihnen natürlich nicht geben konnten da wir nichts dabei hatten.
Es ist eine verdammt gute Sache daß keine Feuerwaffen mehr unter den Leuten sind, sonst würden wir ganz schön in der Patsche sitzen. Vielen Dank, Senator Cohen!
Oh je! Habe jetzt keine Zeit mehr zum Schreiben, muß zu einer Besprechung. Wir sollen dort über die nationale Lage unterrichtet werden.
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