Die Turner-Tagebücher

Kapitel 16


10. April 1993: Das ist das erste Mal in dieser Woche, daß ich etwas Zeit für mich selbst hatte und mich erholen konnte. Ich befinde mich in einem Hotel in Chicago und es gibt für mich nichts zu tun bis ich morgen früh an einer Führung durch das Kraftwerkprojekt von Evanston teilnehmen werde. Ich flog am Freitag nachmittag aus zwei Gründen hierher: wegen der Evanston-Führung und einer Lieferung von heißem Geld an eine unserer Einheiten in Chicago.

Bill hatte seine Druckmaschine am Montag abend eingeschaltet, gleich nachdem wir die chemischen Zusätze in die Druckfarbe gemischt hatten. Er ließ sie bis in die frühen Morgenstunden am Freitag fast dauernd laufen, wobei Carol zweimal einsprang um ihm ein paar Stunden Schlaf zu gönnen. Er schaltete die Maschine nicht ab bevor nicht das ganze dafür beschaffte Notenpapier aufgebraucht war. Katherine und ich halfen beim Schneiden und beim Zureichen und Abnehmen des Papiers an der Maschine. Bei dieser Arbeit waren wir alle fast bis zum Umfallen gefordert, aber die Organisation wollte eiligst das Geld haben.

Davon haben sie jetzt wirklich einen Haufen! Ich habe niemals davon geträumt jemals in meinem Leben soviel Geld zu sehen. Bill druckte etwas mehr als zehn Millionen Dollar in $10 und $20 Noten, mehr als eine Tonne von druckfrischen neuen Banknoten. Und die sahen gut aus! Ich verglich einen von Bills neuen Zehnern mit einem neuen von der Bundesbank ausgegebenen, und ich konnte nicht ausmachen welcher echt war, außer wenn ich mir die Seriennummer ansah.

Bill hat eine wirklich in allem meisterhafte Arbeit geleistet. Jede Note hat sogar eine andere Seriennummer. Dieses Projekt zeigt einmal was man mit sorgfältiger Planung, Hingabe und Fleiß erreichen kann. Natürlich hatte Bill sechs Monate Zeit, von den ersten Vorbereitungen bis zu den letzten Probeläufen, bevor ich zur Verfügung stand um ihm mit den Farbzusätzen und der UV-Einheit zu helfen. Er hatte alle Fehler im System beseitigt bevor er mit seinem dreieinhalbtägigen Drucklauf anfing.

Ich brachte 50.000 von den neuen Zwanzigern mit und übergab sie gestern meinem Kontaktmann in Chicago. Seine Einheit hat die Aufgabe die Banknoten zu "waschen", so daß ein gleicher Betrag von echter Währung der Organisation für ihre Ausgaben in dieser Gegend zur Verfügung steht. Das ist wirklich ein viel verzwickteres und zeitaufwendigeres Geschäft als das Drucken.

Zur gleichen Zeit als ich von hier weg ging bestieg Katherine ein Flugzeug nach Boston mit $800.000 in ihrem Gepäck. Im Verlauf der Woche werden wir noch weitere Lieferungen in Dallas und Atlanta machen. Es ist etwas kitzlig mit dem ganzen heißen Geld durch die Flughafen-Sicherheitskontrollen durchzukommen, aber so lange die nichts anderes machen als das Gepäck zu durchleuchten kann uns nichts passieren. Die einzigen Dinge die sie im Augenblick zu suchen scheinen sind Bomben und Waffen. Aber warte nur bis sie unsere heißen Banknoten überall im Land in die Hand kriegen!

Im Flugzeug von Washington hatte ich Gelegenheit etwas nachzudenken. Aus 35.000 Fuß Höhe bekommt man von den Dingen eine andere Perspektive. Wenn man sich all die ausgedehnten Vororte, die Autobahnen und Fabriken die da unten ausgebreitet daliegen ansieht, wird einem bewußt wie groß Amerika eigentlich ist und welche übergroße schwierige Aufgabe wir uns gestellt haben.

Was wir im Grunde mit unserem taktischen Sabotageprogramm machen, ist den natürlichen Verfall Amerikas irgendwie zu beschleunigen. Wir schlagen vom termitenangefressenen Holz der Wirtschaft Späne ab, so daß der ganze Bau ein paar Jahre früher und katastrophaler zusammenbricht als es ohne unsere Anstrengungen der Fall wäre. Im ganzen ist es aber bedrückend sich vorzustellen welchen relativ geringen Einfluß all unsere Opfer auf den Gang der Dinge haben.

Bei unserer Falschgeldaktion z.B. ist das erforderliche Ausmaß von uns niemals zu erreichen. Wir müßten doch im Verlauf eines Jahres tausend mal mehr Geld drucken und verteilen als Bill letzte Woche gedruckt hat -- mindestens $10 Milliarden pro Jahr -- bevor wir überhaupt die geringste meßbare Wirkung auf die Volkswirtschaft erzielen können. Die Amerikaner geben dreimal soviel nur für Zigaretten aus.

Natürlich haben wir noch zwei andere Gelddruckmaschinen an der Westküste laufen und wir werden noch andere in nächster Zeit aufstellen. Und wenn es mir gelänge einen Plan zu machen um das Evanston-Projekt auszuschalten, dann wäre das ein Investitionsverlust von fast $10 Milliarden auf einen Schlag, ganz abgesehen von dem entstehenden wirtschaftlichen Schaden der durch den Ausfall der Elektrizitätsversorgung zu den Industrieanlagen im Gebiet der Großen Seen entsteht.

Wichtiger aber als unser Kampf gegen das System ist ein Vorhaben das auf die Dauer von unendlich größerer Bedeutung sein wird. Wir schmieden an dem Plan einer neuen Gesellschaftsordnung. Eine ganz neue Zivilisation soll sich aus der Asche der degenerierten modernen Welt erheben. Da aber eine friedliche Entwicklung aus der heutigen durch jüdisches Wesen im Kern verdorbenen Kultur nicht mehr möglich ist, soll diese durch eine auf uralten arischen Werten aufbauende neue Weltanschauung in einer geistigen Revolution völlig gestürzt werden.

Das ist auch der tiefgreifendste Grund dafür, daß unser gegenwärtiger materieller Kampf unvermeidlich geworden ist, ganz abgesehen von der Tatsache daß dieser uns vom System aufgezwungen und nicht von uns erwählt wurde. Bei Betrachtung der Ereignisse der vergangenen 31 Monate unter diesem Gesichtspunkt -- das heißt, daß die konstruktive Aufgabe zur Errichtung eines neuen gesellschaftlichen Zellkernes dem rein zerstörerischen Kampf gegen das System übergeordnet ist -- scheint mir sogar daß unsere anfängliche Strategie, statt der allgemeinen Wirtschaft zuerst die Führer des Systems als Verkörperung der herrschenden Ideologie anzugreifen, eigentlich für den Beginn kein so schlechter Weg war wie ich gedacht hatte.

So hatte der Kampf von Anfang an schon deutlich den Charakter einer Schlacht gegen das System und nicht nur die Wirtschaft. Das System reagierte mit Unterdrückungsmaßnahmen um sich vor unseren Angriffen zu schützen, und das verursachte zu einem gewissen Grad seine Isolation von der Öffentlichkeit. Solange wir nicht mehr machten als Kongreßabgeordnete, Bundesrichter, Geheimpolizisten und Medienzare zu ermorden, haben sich die Amerikaner nicht besonders bedroht gefühlt, aber sie haben doch dem System die Unannehmlichkeiten übelgenommen die es ihnen durch all die neuen Sicherheitseinrichtungen bereitet hat.

Wenn wir von Anfang an Anschläge auf die Wirtschaft gemacht hätten, wäre es dem System leicht gemacht geworden den Kampf als einen von uns gegen die Bevölkerung gerichteten hinzustellen, und es würde für die Medien leichter gewesen sein die Bevölkerung von der Notwendigkeit zu überzeugen, mit dem System gegen die gemeinsame Gefahr, nämlich uns, zu kollaborieren. So hat unser anfänglicher Fehler, wie eine glückliche Fügung, es uns jetzt leichter gemacht zu rekrutieren, wo wir doch nun absichtlich darauf abzielen die Dinge für jedermann so unbequem wie möglich zu machen.

Und es ist nicht nur die Organisation welche in letzter Zeit viele neue Mitglieder gewonnen hat. Der Orden selbst vergrößert sich mit einer Wachstumsrate die in den letzten 48 Jahren seit seinem fast 68-jährigen Bestand noch nie erreicht wurde. Als ich hier gestern unserem Boten begegnete machte ich verstohlen das Zeichen -- wie ich es jetzt immer mache wenn ich neue Mitglieder der Organisation treffe -- und war freudig überrascht als er auf gleiche Weise erwiderte.

Gestern abend lud er mich ein, als Gast bei einer Einführungszeremonie für neue Mitglieder auf Bewährung aus dem Gebiet von Chicago teilzunehmen. Ich nahm gern an, und war erstaunt, bei der Feier ungefähr 60 Personen zu zählen, wobei fast ein Drittel davon neu Einberufene waren. Das ist mehr als dreimal soviel wie die Gesamtzahl der Mitglieder des Ordens im Raum Washington. Ich war bei der Feier fast ebenso gerührt wie bei meiner eigenen Einführung vor eineinhalb Jahren.

14. April: Probleme, Probleme, Probleme! Nichts ist richtig gelaufen seit dem ich aus Chicago zurückkam.

Bill konnte nichts mehr von dem Papier ausfindig machen welches er für die letzten Bündel von Geld verwendete, und er bat mich ihm beim Improvisieren zu helfen. Wir versuchten leicht verfärbtes Papier mit der gleichen Grundbeschaffenheit und Zusammensetzung zu kolorieren, aber das Resultat war nicht zufriedenstellend. Bill wird weiter nach dem zuerst verwendeten Papier Ausschau halten, während ich fortfahre, verschiedene andere Kolorierungsprozesse auszuprobieren.

Dann war da die Abordnung des hiesigen Rats für Menschenrechte (HRC), die gestern in den Laden kam. Vier Schwarze und ein äußerst widerlicher Weißer, die alle Armbinden des HRC trugen, kamen in unseren Druckerladen. Sie wollten ein großes Plakat im Schaufenster ausstellen, von der gleichen Sorte die man jetzt überall sieht, und das den Bürgern eindringlich nahe legt beim "Kampf gegen den Rassismus" zu helfen, durch Meldung verdächtiger Personen an die politische Polizei. Weiter wollten Sie eine Sammelbüchse des HRC für Spenden auf unserem Ladentisch aufstellen. Carol war zu der Zeit hinter dem Tresen, und sie sagte ihnen ohne Umschweife, sie sollen sich zum Teufel scheren.

Das war unter den Umständen natürlich nicht das Richtige. Sie hätten uns der politischen Polizei gemeldet, wenn ich nicht das Spektakel gehört und eingegriffen hätte. Ich kam die Kellertreppe hoch mit einem, wie ich hoffte, überzeugendem jüdischen Gesichtsausdruck und mit dem besten jiddischen Akzent, den ich nachmachen konnte und sagte verärgert :"So, was geht hier schon wieder vor?" Ich hatte dick aufgetragen, hoffentlich nicht zu dick, aber sie sollten verstehen: Der Geschäftsführer hier ist selbst ein Angehöriger einer Minorität, einer sehr speziellen Minorität, und kann kaum verdächtigt werden, irgendwelche Feindseligkeiten gegen den Rat für Menschenrechte und seine lobenswerten Bemühungen zu hegen.

Der Obernigger fing an sich bei mir entrüstet über Carols Zurückweisung zu beschweren. Ich unterbrach ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung und richtete einen zum Schein zornigen Blick auf Carol. "Natürlich, natürlich" sagte ich weiter mit jiddischem Akzent, "lassen sie ihre Sammelbüchse ruhig hier. Es ist für eine gute Sache. Aber kein Plakat im Schaufenster, da ist nicht genug Platz. Ich konnte sogar meinem Cousin Abe nicht erlauben, da eines seiner United-Jewish-Appeal-Plakate anzubringen. Kommen Sie! Ich zeige ihnen, wohin Sie gehen können."

Als ich die Abordnung übereifrig zur Tür geleitete befahl ich Carol, in der Art eines schlecht gelaunten Vorgesetzten, wieder an die Arbeit zu gehen. "Ja, Herr Bloom", sagte sie wie unterwürfig.

Draußen auf dem Gehsteig überwand ich meine Abscheu während ich einen Arm freundschaftlich um die Schultern des Sprechers der Schwarzen legte und lenkte seine Aufmerksamkeit auf einen Laden direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Mit jiddischem Akzent erklärte ich ihm: "Wir haben hier nicht so viele Kunden." Aber bei meinem guten Freund Solly Feinstein gehen viele Leute ein und aus. Und er hat ein großes Schaufenster. Er wird sehr erfreut sein wenn auch ihr Plakat dort drin ist. Sie können es gleich unter dem von Sol's Pfandleihhaus anbringen. Da sieht es jeder. Und vergessen sie auf keinen Fall eine Sammelbüchse bei ihm zu hinterlassen, oder zwei Sammelbüchsen; er hat ja einen großen Laden.

Sie alle schienen mit meinen freundlichen Vorschlägen sehr zufrieden zu sein und wandten sich zur anderen Straßenseite. Aber der Weiße -- ein bemitleidenswertes Exemplar mit Pickeln und einem imitierten "Afro Look" -- zögerte, drehte sich um und sagte zu mir: "Vielleicht sollten wir uns den Namen des Mädchens geben lassen. Was sie sagte hörte sich eindeutig rassistisch an."

"Verschwenden sie keine Zeit mit ihr", antwortete ich schroff, indem ich seinen Verdacht mit einer Handbewegung abtat. "Sie ist nur eine dumme Schickse. Sie redet mit jedem auf diese Weise. Ich werde sie bald rauswerfen."

Als ich wieder in den Laden trat, bogen Bill, der die Episode auf der Kellertreppe mitgehört hatte, und Carol sich vor Lachen. "Das ist wirklich nicht so lustig", tadelte ich sie mit einem Versuch von Strenge. "Wenn ich nicht sofort eingegriffen hätte und wenn mein verstelltes Gesicht und mein falscher Akzent diesen Haufen von Untermenschen nicht getäuscht hätte, wären wir jetzt wahrlich in Schwierigkeiten."

Dann hielt ich Carol eine Strafpredigt: "Wir können uns den Luxus nicht leisten, diesen Kreaturen zu sagen was wir über sie denken. Wir müssen erst unseren Auftrag erledigen, später werden wir dann mit dieser Bande ein für allemal abrechnen. So laßt uns unseren Stolz hinunterschlucken und solange Theater spielen wie wir müssen. Diejenigen welche nicht unsere Verantwortung haben, können sich auf Ermittlungen wegen Rassismus einlassen. Mögen sie gut dabei wegkommen."

Aber ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken als ich sah wie gegenüber im Schaufenster des Pfandladens das Plakat angebracht wurde, wodurch dazu noch die von Sol ausgestellten gebrauchten Kameras und Ferngläser fast alle verdeckt wurden. Er muß sich wohl wirklich auf seine Zunge gebissen haben! Und alle Leute, die jetzt dieses spezielle Plakat sehen, werden die richtige Gedankenassoziation, zwischen dem Gedankenüberwachungsprogramm des Rates und den Leuten die dahinter stehen, herstellen.

Das letzte Mißgeschick war daß Katherine gestern abend an Grippe erkrankte. Sie sollte heute morgen eine große Menge Geld nach Dallas bringen, aber sie war zu krank um reisen zu können und es sieht so aus, als wenn sie noch zwei oder drei Tage im Bett bleiben muß. Das heißt, daß ich morgen nicht nur die Fahrt nach Atlanta am Hals habe, sondern auch die Lieferung nach Dallas machen muß. Damit wird ein ganzer Tag im Flugzeug und auf Flughäfen verschwendet, und dabei brauche ich die Zeit so nötig um mich für das Evanston-Projekt vorzubereiten.

Wir wollen den Anschlag auf den Evanston-Atomkraftwerkkomplex innerhalb der nächsten sechs Wochen ausführen, solange noch Führungen für Touristen stattfinden. Nach dem ersten Juni, wenn es für die Öffentlichkeit permanent geschlossen bleibt, wird es sehr viel schwieriger sein es außer Betrieb zu setzen.

Das Evanston-Kraftwerkprojekt ist eine tolle Sache: Das Werk hat vier riesige Atomreaktoren mit den größten Turbinen und Generatoren in der Welt. Die ganze Anlage ruht auf Zementpfeilern eine Meile vom Ufer entfernt im Michigansee, welcher das Kühlwasser für die Wärmetauscher des Reaktors liefert. Die Anlage erzeugt 18.000 Megawatt elektrischen Strom, fast 20 Milliarden Watt! Unglaublich!

Der Strom wird in das Stromversorgungsnetz eingespeist das die ganze Region der Großen Seen versorgt. Bevor die Evanston-Anlage vor zwei Monaten in Betrieb genommen wurde, litt der ganze Mittelwesten unter großer Stromknappheit -- viel stärker als wir hier, was schon schlimm genug ist. In einigen Gebieten wurde der Betrieb der Fabriken auf zwei Tage pro Woche eingeschränkt, und es gab dazu so viele unerwartete Stromsperren daß die ganze Region wirklich am Rand eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs stand.

Wenn es uns gelingt das neue Kraftwerk außer Betrieb zu setzen, wird alles noch schlechter sein als zuvor. Um dann die Lichter in Chicago und Milwaukee am brennen zu halten, müßten die Behörden Strom aus so entlegenen Städten wie Detroit und Minneapolis abzweigen, wo aber auch keiner übrig ist. Die ganze Region wird stark davon betroffen sein. Dabei hat es zehn Jahre gedauert das Evanston-Projekt zu konstruieren und zu bauen, so daß es unmöglich sein wird die Situation in absehbarer Zeit wieder in den Griff zu bekommen.

Die Regierung hat aber auch über die Folgen eines Verlustes des Evanston-Werks nachgedacht und umfassende Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Nur mit einem Boot oder einem Flugzeug könnte man herankommen. Aber es sind ständig Suchscheinwerfer und Patrouillenboote eingesetzt, und rundherum ist ein an Bojen aufgehängtes Netz aus Stahltrossen gelegt das einen Zugang durch das Wasser ziemlich ausschließt.

Das Ufer ist meilenweit in beiden Richtungen eingezäunt und hinter dem Zaun sind mehrere militärische Radar- und Flugabwehrgeräte installiert, so daß jeder Versuch ein mit Explosivstoffen beladenes Flugzeug auf die Anlage herabzustürzen kaum zum Erfolg führen kann.

Die wohl einzige Möglichkeit einen Angriff mit konventionellen Mitteln durchführen zu können, scheint mir in der Nähe des Ufers ein gut getarntes Versteck zu suchen, wo man einige schwere Mörser in genügender Reichweite einschmuggeln könnte. Aber meines Wissens haben wir im Moment keine solche Waffen zur Verfügung. Wie dem auch sei, die wirklich betriebswichtigen Teile des Kraftwerkes befinden sich in solch massiven Gebäuden daß auch ein Mörserangriff kaum mehr als nur eine oberflächliche Beschädigung anrichten könnte.

Um Klarheit zu gewinnen bat mich das Revolutionskommando eine Führung mitzumachen. Man hoffte wohl, ich würde dann mit irgendwelchen unkonventionellen Ideen aufwarten. Das habe ich getan, aber es sind noch mehrere verzwickte Probleme zu lösen.

Mein Besuch dort am Montag hat mir eine ziemlich gute Vorstellung über die Stärken und Schwächen der Sicherheitseinrichtungen vermittelt. Einige der Schwachpunkte sind wirklich sehr erstaunlich. Bemerkenswert vor allem ist die Entscheidung der Regierung, Touristen vor Ort zu lassen, wenn auch nur zeitweise. Der Grund dafür ist sicher der große Wirbel den die Anti-Atom-Fanatiker wegen der Anlage machen. Die Regierung fühlt sich verpflichtet, der Öffentlichkeit alle eingebauten Sicherheitsmerkmale zu zeigen.

Als ich mich für die Führung eintrug hatte ich mich ganz bewußt mit allen möglichen Utensilien beladen, nur um zu sehen was ich alles in die Anlage hineinbringen könnte. Ich trug einen Diplomatenkoffer, eine Kamera und einen Regenschirm, und meine Taschen waren mit Geldmünzen, Schlüsseln und Druckbleistiften gefüllt.

Auf dem Fährboot, das die Touristen hinaus zur Anlage bringt, gibt es nur geringe Sicherheitsmaßnahmen. Ich mußte nur meinen Diplomatenkoffer zur oberflächlichen Kontrolle öffnen. Aber als ich dann in den Wachraum der Anlage kam wurde mir Koffer, Kamera und Schirm abgenommen. Dann mußte ich durch ein Metallsuchgerät gehen, daß den ganzen metallenen Plunder in meinen Taschen entdeckte. Ich leerte meine Taschen vor den Wachmännern, aber dann gaben sie mir das Zeug wieder zurück. Sie hatten nichts davon genau untersucht. So kann man mindestens einen mit einem Brandsatz versehenen Bleistift hineinschmuggeln.

Was für mich dennoch bedeutsam erschien war die Tatsache, daß ein alter Herr in meiner Gruppe einen Spazierstock mit einem metallenen Knauf mit sich trug, und die Sicherheitsbeamten ihm erlaubten, ihn während der Führung zu behalten.

Im wesentlichen kam ich zu folgendem Schluß: Nachdem ein einzelner Tourist auf keine Weise genug Sprengstoff hineinschmuggeln kann um die Anlage zu zerstören, noch auf irgend eine Art imstande ist die kleine Menge, die er hineinschmuggeln könnte, so zu legen daß sie wirklich wirksam werden kann, wie etwa wenn man ein Loch in eine der Druckbehälter des Reaktors schlagen würde, können wir die Explosivstoffe so gut wie vergessen. Statt dessen werden wir versuchen die Anlage durch verseuchtes radioaktives Material funktionsunfähig zu machen.

Diese Idee ist durchführbar, denn wir haben in der Organisation eine Quelle für bestimmte radioaktive Materialien. Es ist ein Professor der Chemie an einer Universität in Florida, der solches Material in seiner Forschung verwendet.

Wir können leicht genug von wirklich heißem und schädlichem Kernmaterial mit einer Halbwertszeit von etwa einem Jahr in einen Spazierstock oder eine Krücke stopfen, zusammen mit einer kleinen Sprengladung die das Material nach der Zündung verteilt, um das ganze Evanston Kraftwerk für einen Aufenthalt unmöglich zu machen. Die Anlage wird dadurch stofflich nicht zerstört werden, aber man wird sie schließen müssen. Eine Entseuchung würde eine derart enorme Aufgabe sein daß man die Anlage am besten für immer still legt.

Unglücklicherweise wird das ein selbstmörderischer Auftrag sein. Wer auch immer das radioaktive Material in die Anlage trägt wird schon bevor er das Tor der Anlage erreicht einem tödlichen Quantum der Strahlung ausgesetzt gewesen sein. Es gibt nun mal keine anwendbare Methode die einen wirksamen Schutz bieten kann.

Die größte Sorge sind die Strahlungsdetektoren, die überall in der Anlage angebracht sind. Wenn einer von diesen nur einen Hauch zu empfindlich auf unserem Mann reagiert, dann könnte es brenzlig werden.

Jedoch bemerkte ich keine Detektoren in der Eingangshalle der Anlage, wo die Wachleute die ankommenden Touristen kontrollieren. Es sind aber einige in der riesigen Turbinen- und Generatoren Halle wo die Touristen hindurchgeführt werden, und dann ist einer am Ausgangstor das die Touristen benutzen, vermutlich um dem unwahrscheinlichen Fall vorzubeugen daß es einem Touristen gelingen könnte sich ein Stück nukleares Brennmaterial in die Tasche zu stecken um es hinauszuschmuggeln. Aber sie scheinen noch nicht auf den Gedanken gekommen zu sein, daß jemand versuchen könnte radioaktives Material in die Anlage hineinzuschmuggeln.

Ich habe die Stellen, wo die Detektoren angebracht sind, ziemlich gut im Kopf und ich werde unseren Mann in Florida darüber zu Rate ziehen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist daß einer der Detektoren aus einer gewissen Distanz auf das von ihm gelieferte Material anspricht. Wenn ein Alarm ausgelöst wird nachdem unser Träger in die Anlage gelangt ist, aber bevor er die Generatorenhalle erreicht hat, muß er eben das Weite suchen. Aber wir werden uns bemühen, ein Gerät zu konstruieren das ihm die größtmögliche Chance gibt.

Der ganze Plan kann einem große Angst machen, aber er bietet eine vorteilhafte Aussicht, nämlich bezüglich der psychologischen Auswirkung auf die Öffentlichkeit. Die Menschen haben eine fast abergläubische Furcht vor nuklearer Strahlung. Das wird ein Festtag für die Anti-Nuklear-Lobby sein. Er wird die Phantasie der Leute in einem weit größerem Maß beschäftigen als jeder gewöhnliche Bomben- oder Granatwerfer Angriff. Viele Leute werden mit Schrecken erfüllt sein und noch mehr dazu veranlassen sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen.

Ich muß zugeben, daß ich im Augenblick froh bin daß meine Probezeit noch elf Monate dauert und ich deswegen für diesen Spezialauftrag noch nicht in Frage komme.



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