Die Turner-Tagebücher

Kapitel 13


21. März 1993: Heute ein neues Beginnen. Ein bedeutungsvoller Zufall daß es auch der erste Frühlingstag ist. Für mich ist es wie die Rückkehr von den Toten-470 Tage eines lebendigen Todes. Wieder zurück zu sein, bei Katherine zu sein und bei meinen anderen Kameraden, in der Lage zu sein den Kampf wieder aufzunehmen nach so viel verschwendeter Zeit -- der Gedanke daran erfüllt mich mit unbeschreiblicher Freude.

Es ist so viel passiert seit meinem letzten Eintrag in dieses Tagebuch (wie froh bin ich daß Katherine in der Lage war es für mich zu retten!), daß es schwierig ist zu entscheiden wie man alles jetzt zusammenfassen soll. Nun gut, eines nach dem anderen.

Es war ungefähr um vier Uhr morgens, pechschwarze Dunkelheit, ein Sonntag. Wir alle befanden uns in tiefem Schlaf. Nach meiner Erinnerung war das erste daß Katherine versuchte, mich durch rütteln an meiner Schulter aufzuwecken. Ich konnte im Hintergrund einen beharrlichen Summton hören, welchen ich in meiner Schlaftrunkenheit für unseren Schlafzimmerwecker hielt.

"Es ist doch bestimmt noch nicht Zeit zum aufstehen", nuschelte ich.

"Es ist die Warnanlage unten", flüsterte Katherine eindringlich. "Jemand ist draußen vor dem Gebäude."

Das machte mich plötzlich hellwach, aber bevor ich überhaupt auf den Füßen stand ertönte ein lauter Knall, während etwas durch das sorgfältig mit Brettern vernagelte Schlafzimmerfenster geflogen kam und einen Schweif von Funken hinter sich herzog. Fast unmittelbar darauf war der ganze Raum mit einer erstickenden Gaswolke erfüllt, was mich qualvoll nach Luft schnappen ließ.

Die nächsten paar Minuten habe ich nur verschwommen in Erinnerung. Irgendwie gelang es uns unsere Gasmasken aufzusetzen ohne das Licht anzumachen. Bill und ich rasten in das Parterre hinunter, dabei Katherine und Carol die Bewachung der oberen Fenster überlassend. Glücklicherweise hatte bis jetzt noch niemand versucht in das Gebäude einzudringen, aber als Bill und ich unten an der Treppe ankamen hörten wir wie jemand von draußen uns mit einem Megaphon aufforderte, mit erhobenen Händen herauszukommen.

Ich spähte kurz durch unser Guckloch. Die Dunkelheit draußen war durch Dutzende von Scheinwerfern, die alle auf das Gebäude gerichtet waren, taghell erleuchtet. Die gleißende Helligkeit hinderte mich daran zu sehen was sich hinter den Lichtern befand, aber mir war sofort klar daß sich da draußen einige hundert Soldaten und Polizisten mit einer großen Menge an Ausrüstung befanden.

Offensichtlich war ein Versuch uns den Weg freizuschießen sinnlos, auf jeden Fall feuerten wir aber ein paar kurze Salven -- ein halbes Dutzend schneller Schüsse von jedem -- von den oberen und unteren, hinten und vorne befindlichen Fenstern ab, nur um die Leute draußen davon abzuschrecken einen schnellen Versuch zu machen in das Gebäude einzudringen. Danach blieben wir von den Fenstern und Türen weg, welche sofort durch vernichtendes Gegenfeuer durchlöchert wurden, und konzentrierten uns darauf soviel wie möglich von unserer unentbehrlichen Ausrüstung durch den Fluchttunnel zu schaffen. Die aus Betonziegeln bestehenden Wände der Garage boten uns Schutz gegen das Feuer aus den Handfeuerwaffen mit denen wir aus allen Richtungen beschossen wurden.

Während Bill, Katherine und Carol sich in dem langen dunklen Tunnel unser Gerät zureichten, blieb ich in der Werkstatt und trug für sie die Dinge zusammen die wir möglichst retten sollten. In einer hektischen und ermüdenden 3/4 Stunde hatten sie einen kleinen Berg von Waffen und Nachrichtengerät im Abwasserkanal am anderen Ende des Tunnels zusammengetragen.

Obwohl die drei den größten Teil der Tragarbeit verrichteten, waren sie wenigstens nicht der Gefahr ausgesetzt getroffen zu werden. Mir pfiffen die ganze Zeit die Kugeln um die Ohren und ich wurde mindestens ein Dutzendmal von Betonsplittern getroffen, die von Querschlägern von den Wänden losgeschlagen wurden. Ich begreife noch immer nicht wie ich das Glück hatte nicht getötet zu werden. Ich brachte es sogar fertig etwa alle fünf Minuten ein paar Salven durch die Tür gegen unsere Angreifer zu feuern, nur damit sie in ihrer Deckung bleiben mußten.

Endlich hatten wir alle unsere Handfeuerwaffen und Munition, ungefähr die Hälfte unserer großen Sprengkörper und schwereren Waffen und alle fertiggestellten Funkeinheiten herausgeschafft. Bills Werkzeuge wurden gerettet, weil er die Angewohnheit hatte sie alle zusammen ordentlich aufgeräumt in einer Werkzeugkiste aufzubewahren, aber wir mußten fast alle meine Testgeräte zurücklassen weil sie über die ganze Werkstatt verteilt waren.

Wir hockten uns kurz in der Abschmiergrube zusammen und beschlossen daß Bill und die Mädchen ein Fahrzeug stehlen sollten um unsere Sachen darin zu verladen, während ich im Laden zurückbleiben und eine Sprengladung fertigmachen sollte um den Eingang zu unserem Fluchttunnel zu verschütten. Ich würde ihnen 30 Minuten Zeit geben und würde dann die Zündung in Gang setzen und mich selbst davonmachen.

Katherine löste sich von uns und rannte schnell nach oben, wo sie einige unserer persönlichen Sachen zusammenraffte -- einschließlich meines Tagebuches -- und danach scheuchte ich sie und die anderen zum letzten Mal in den Tunnel zurück.

Inzwischen waren unten die Türen und die Bretter über den Fenstern fast zur Hälfte weggeschossen und es drang soviel Licht von den Scheinwerfern in die Werkstatt ein, daß jede meiner Bewegungen äußerst gefährlich wurde. In fieberhafter Eile arbeitend, baute ich eine 20-Pfund-Ladung aus Tritonal in der Abschmiergrube gleich über dem Tunneleingang zusammen und machte sie scharf.

Dann kroch ich über den Boden auf die Wand zu, wo noch ungefähr 100 Pfund Tritonal in kleinen Behältern übereinandergestapelt lagen. Ich beabsichtigte von diesem Stapel eine Zündschnur bis zur Ladung in der Abschmiergrube zu verlegen, so daß die ganze Werkstatt durch eine einzige Detonation in die Luft fliegen und dabei alles mit Trümmern bedecken würde. Die Polizei würde dann mehrere Tage dazu brauchen um die Trümmer zu durchsuchen und zu entdecken daß wir entkommen waren.

Aber ich schaffte es gar nicht bis zur Wand. Irgendwie -- ich verstehe immer noch nicht was genau passierte -- explodierte die Ladung in der Abschmiergrube vorzeitig. Vielleicht hat ein abgepralltes Geschoß den Zünder getroffen. Oder vielleicht haben Funken von den Tränengasgranaten, die immer noch in hohem Bogen in den Raum geworfen wurden, die Zündschnur in Brand gesetzt. Jedenfalls hat mich der Schlag der Explosion bewußtlos gemacht -- und mich fast getötet. Das Bewußtsein erlangte ich auf einem Operationstisch auf der Unfallstation eines Krankenhauses wieder.

Die nächsten paar Tage waren außergewöhnlich schmerzvoll für mich. Wenn ich nur daran denke zucke ich zusammen. Von der Unfallstation wurde ich unmittelbar in die Verhörzelle im unteren Keller des FBI-Gebäudes gebracht, wo der Schutt von unserem Bombenanschlag von vor sieben Wochen teilweise noch immer nicht weggeräumt war.

Obgleich ich immer noch verwirrt war und meine Wunden stark schmerzten, ging man mit mir sehr grob um. Meine Handgelenke wurden auf meinem Rücken fest zusammengebunden, und mir wurden Fußtritte und Schläge versetzt wenn ich stolperte oder nicht schnell genug einer Aufforderung nachkam. Nachdem ich gezwungen wurde mich in die Mitte der Zelle zu stellen, und einen halben Dutzend FBI-Agenten von allen Seiten Fragen auf mich eindrangen, konnte ich kaum mehr als Unzusammenhängendes nuscheln, auch wenn ich gewollt hätte mit ihnen zu kooperieren.

Jedoch fühlte ich wie trotz meiner Qualen freudige Erregung in mir hochkam, als ich durch die Fragestellungen meiner Verhörer erkannte daß die anderen sicher davongekommen sein mußten. Wieder und wieder schrien die Männer um mich herum mit den gleichen Fragen auf mich ein: "Wo sind die anderen? Wieviele waren mit ihnen im Gebäude? Wie sind sie hinausgekommen?" Offensichtlich hat die Ladung in der Abschmiergrube den Tunneleingang erfolgreich zerstört. Den Fragen wurde durch wiederholte Schläge und Fußtritte Nachdruck verliehen, bis ich endlich glücklicherweise wieder bewußtlos zu Boden sank.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich immer noch auf dem nackten Betonboden wo ich hingefallen war. Das Licht brannte, im Raum war niemand und ich konnte das Geknatter der Preßlufthämmer und andere Geräusche hören, welche von den Leuten kamen die Reparaturarbeiten im Korridor hinter meiner Zellentüre ausführten. Mir tat der ganze Körper weh, wobei mir die Handschellen besondere Qualen zufügten, aber mein Kopf war fast wieder klar.

Mein erster Gedanke war der des Bedauerns daß ich meine Giftkapsel nicht mehr hatte. Natürlich hat mir die Geheimpolizei, wenn sie meinen bewußtlosen Körper in den Trümmern der Garage gefunden hatte, sofort die kleine Halskette abgenommen. Ich verfluchte mich selbst, weil ich nicht die Vorsichtsmaßnahme getroffen und die Kapsel in meinen Mund genommen hatte bevor es zur Explosion gekommen war. Wahrscheinlich hätte man sie da nicht gefunden und ich hätte auf sie beißen können sobald ich im Krankenhaus aufwachte. In den kommenden Tagen kam dieses Bedauern in mir wieder und wieder auf.

Mein zweiter Gedanke war auch einer der Reue und Selbstbeschuldigung. Ich wurde so stark von dem Verdacht gequält, daß es fast zur Gewißheit wurde daß mein unkluger Besuch bei Elsa vor zwei Tagen für mein Dilemma verantwortlich war. Offensichtlich ist mir jemand von Elsas Gruppe nach Hause gefolgt und hat die Information weitergegeben. Dieser Verdacht wurde später indirekt von meinen Peinigern bestätigt.

Nur für ein paar Minuten war ich allein mit meinen Schmerzen und düsteren Gedanken, bevor meine zweite Verhörrunde begann. Diesmal kamen zwei FBI-Agenten in meine Zelle mit einem Arzt und drei anderen Männern im Gefolge, wovon zwei der letzteren riesige muskelbepackte Neger waren. Der dritte Mann war eine gebeugte weißhaarige Figur von etwa 70 Jahren. Ein gemeines Lächeln zuckte um die Winkel seines derb aussehenden Mundes, der sich gelegentlich zu einem spöttischen Lächeln öffnete und dabei die Goldplomben seiner nikotinverfärbten Zähne preisgab.

Nachdem der Arzt mich kurz untersucht hatte, für ziemlich gesund erklärte und sich danach wegbegab, rissen mich die zwei FBI-Agenten mit einem Ruck hoch und postierten sich in der Nähe der Tür. Die Fortführung der Sitzung wurde an den finster dreinschauenden Burschen mit den Goldzähnen abgegeben.

Er sprach mit einem starken hebräischen Akzent, als er sich mir in einer entwaffnenden sanften professionellen Art als Oberst Saul Rubin vom israelischen Geheimdienst vorstellte. Ehe ich überhaupt Zeit hatte mich darüber zu wundern, was der Vertreter einer fremdländischen Regierung mit meinem Verhör zu tun hatte, erklärte mir Rubin:

"Da ihre rassistischen Aktivitäten, Herr Turner, einen Verstoß gegen die internationale Konvention gegen Völkermord darstellen, wird Ihnen durch ein internationales Tribunal der Prozeß gemacht, bei denen Vertreter Ihres und meines Landes vertreten sein werden. Aber vorher brauchen wir einige Informationen von Ihnen damit wir auch gleichzeitig ihre kriminellen Genossen vor Gericht stellen können.

"Ich bin davon unterrichtet daß sie gestern Abend nicht besonders zur Zusammenarbeit bereit waren. Ich möchte sie warnen daß es für sie sehr unangenehm werden wird, falls sie meine Fragen nicht beantworten. Ich habe in den letzten 45 Jahren dabei große Erfahrung gesammelt wie man aus Leuten, die mit mir nicht zusammenarbeiten wollen, Informationen herausholt. Am Ende haben sie mir alles erzählt das ich wissen wollte, alle, die Araber und die Deutschen, aber für jene die sich störrisch verhielten war das eine sehr schmerzhafte Erfahrung."

Dann nach einer kleinen Pause: "Ach ja, einige von jenen Deutschen -- besonders diejenigen von der SS -- waren ziemlich hartnäckig."

Die offensichtlich befriedigende Erinnerung daran verursachte ein abermaliges entsetzliches Grinsen in Rubins Gesicht, und ich konnte deswegen ein Schaudern nicht unterdrücken. Ich erinnerte mich an die schrecklichen Fotografien die mir von einem unserer Mitglieder, der ein ehemaliger militärischer Geheimdienstoffizier war, vor Jahren von deutschen Gefangenen gezeigt wurden denen von sadistischen Vernehmern die Augen ausgestochen, die Zähne gezogen, die Finger abgeschnitten und ihre Hoden zerquetscht wurden, bevor sie als "Kriegsverbrecher" von Militärgerichten verurteilt und hingerichtet wurden.

Ich wünschte mir nichts mehr als auf das anzügliche jüdische Gesicht vor mir mit meinen Fäusten einzudreschen, aber meine Handschellen gestatteten mir diesen Luxus nicht. Ich begnügte mich damit in Rubins Gesicht zu spucken und gleichzeitig mit einem Tritt zwischen seine Beine zu zielen. Leider haben meine steifen, schmerzenden Muskeln mein Ziel verfehlen lassen und mein Tritt traf nur Rubins Oberschenkel, so daß er ein paar Schritte zurücktaumelte.

Dann ergriffen mich die zwei diensttuenden Neger. Mit Rubins Anweisungen fingen sie an, mich brutal, gründlich und mit Technik zu verprügeln. Als sie damit aufhörten, war mein ganzer Körper eine einzige pochende, stechende Masse Schmerz, und ich wand mich wimmernd auf dem Boden.

Die später folgenden Vernehmungsrunden waren schlimmer -- viel schlimmer. Da für mich ein öffentlicher Schauprozeß geplant war, vermutlich in der Manier des Eichmann-Prozesses, vermied Rubin das Augenausstechen und Fingerabschneiden daß mich entstellt haben würde, aber die Dinge, die er mit mir veranstaltete, waren genauso schmerzhaft. (Hinweis für den Leser: Adolf Eichmann war während des Zweiten Weltkrieges ein mittlerer deutscher Staatsschutzbeamter. Fünfzehn Jahre nach dem Kriege, im Jahre 39 VNZ, wurde er von den Juden aus Südamerika entführt, nach Israel geflogen und zur zentralen Figur einer großangelegten zwei Jahre andauernden Propagandakampagne gemacht, um Sympathie in der nicht-jüdischen Welt für Israel, dem einzigen Rettungshafen für die "verfolgten" Juden, zu erregen. Nach teuflischen Folterungen wurde Eichmann während eines vier Monate dauernden Schauprozesses in einem Panzerglaskasten zur Schau gestellt und schließlich wegen "Verbrechen gegen das jüdische Volk" zum Tode verurteilt.)

Tagelang hatte ich völlig meinen Verstand verloren und, wie Rubin vorausgesagt hatte, erzählte ich ihm am Ende alles was er wissen wollte. Kein Mensch hätte sich anders verhalten können.

Während der Folterungen wurden die zwei FBI-Agenten, die immer als Zuschauer dabei waren, manchmal ein bißchen weiß im Gesicht -- und als Rubin seinen zwei schwarzen Assistent befahl, mir einen langen, stumpfen Stab in mein Rektum zu stoßen, so daß ich wie ein aufgespießtes Schwein schrie und zappelte, sah der eine so aus als wenn ihm übel werden würde -- aber Einwände haben sie nie erhoben. Ich schätze daß nach dem Zweiten Weltkrieg das gleiche passierte, als amerikanische Offiziere deutscher Abstammung ruhig den jüdischen Foltern zusahen, die sich über ihre Rassegenossen, welche in der deutschen Armee waren, hermachten, und ebenso nichts unrechtes darin sahen wenn Negersoldaten deutsche Mädchen vergewaltigten und brutal behandelten. Kommt es vielleicht durch die Gehirnwäsche der jüdischen Medien daß sie schon ihre eigene Rasse hassen, oder sind sie ganz einfach gefühllose Mistkerle, die alles machen was man ihnen sagt, solange sie ihr Gehalt beziehen?

Trotz Rubins außerordentlich schmerzhaften, meisterhaften Foltermethoden, bin ich jetzt dennoch völlig davon überzeugt daß die Verhörtechniken der Organisation viel effektiver sind als die des Systems. Wir gehen mit technischer Raffinesse vor, während das System bloß brutal ist. Obgleich Rubin meinen Widerstand gebrochen hatte und Antworten auf seine Fragen bekam, hat er glücklicherweise versäumt viele für ihn wichtige Fragen zu stellen.

Als er endlich mit mir nach einem fast einmonatigen Alptraum fertig war, hatte ich ihm die meisten Namen der mir bekannten Organisationsmitglieder genannt, die Örtlichkeiten ihrer Verstecke, und wer an den verschiedenen Aktionen gegen das System beteiligt war. Ich hatte in aller Genauigkeit die Vorbereitungen zur Bombardierung des FBI-Gebäudes beschrieben und meine Rolle bei der Granatwerferattacke auf das Capitol. Und natürlich habe ich ebenso genau ausgesagt wieviel Mitglieder meiner Einheit der Gefangennahme entkamen.

Alle diese Enthüllungen haben sicherlich Probleme für die Organisation hervorgerufen. Aber da sie in der Lage war genau vorherzusehen, was die politische Polizei durch mich erfahren würde, konnte sie jeden potentiellen Schaden abwenden. Das zwang dazu, perfekte Verstecke in aller Eile zu verlassen und neue einzurichten.

Rubins Verhörtechnik erzielte nur Information in Form von Antworten auf direkte Fragen. Er fragte mich nichts über unser Nachrichtenübermittlungs-System und fand daher auch nichts darüber heraus. (Wie ich später erfuhr haben die "Legalen" innerhalb des FBI die Organisation darüber auf dem Laufenden gehalten, welche Informationen mein Verhör jeweils ergaben; so war es klar daß unsere Nachrichtenübermittlung nach wie vor sicher war).

Er hat auch nichts über den Orden, unsere Ideologie oder unsere langfristigen Ziele erfahren, was dem System vielleicht geholfen hätte unsere Strategie zu verstehen. So war alles, was Rubin aus mir herausbekam, nur taktischer Natur. Ich glaube der Grund dafür ist die überhebliche Annahme des Systems, daß die Aufgabe, unsere Organisation zu liquidieren nur eine Angelegenheit von Wochen sein würde. Wir wurden als ein größeres Problem betrachtet, nicht aber als eine tödliche Gefahr.

Nachdem die Zeit meines Verhörs vorüber war, wurde ich im FBI-Gebäude für weitere drei Wochen festgehalten, offensichtlich in der Erwartung, mich bereit zu halten um die verschiedenen Mitglieder der Organisation zu identifizieren die auf Grund meiner Aussagen verhaftet werden könnten. Jedoch wurde niemand während dieser Zeit verhaftet und ich wurde schließlich in eine spezielle Gefangenenanstalt nach Fort Belvoir verlegt, wo fast 200 andere Mitglieder der Organisation und ungefähr die gleiche Anzahl von unseren "Legalen" festgehalten wurden.

Die Regierung befürchtete daß wenn sie uns in normale Gefängnisse steckte die Gefahr bestand daß die Organisation uns befreien könnte -- und darüber hinaus hatten sie Angst davor daß wir andere weiße Gefangene für uns gewinnen könnten. Daher wurden alle im ganzen Land festgenommenen Organisationsmitglieder nach Fort Belvoir gebracht, und in Einzelzellen eingesperrt die sich in Gebäuden befanden die von Stacheldraht, Panzern, mit Maschinengewehren ausgerüsteten Wachtürmen und zwei Kompanien Militärpolizei umgeben waren -- alles inmitten einer Militärbasis. Da habe ich dann die nächsten 14 Monate verbracht. Welche Vorbereitungen für meine Gerichtsverhandlung getroffen wurden kann ich nicht sagen.

Viele Leute betrachten Einzelhaft als eine besonders strenge Behandlung, aber für mich war sie ein Segen. Ich war immer noch in einer sehr gedrückten und unnormalen Geistesverfassung. Das war teilweise das Resultat von Rubins Folter, teilweise kam es aber auch aus dem Schuldgefühl, dieser Folter nicht standgehalten zu haben. Ebenso bedrückte mich, daß ich mich in Gefangenschaft befand und nicht in der Lage war, am Kampf teilzunehmen. Gut für mich war aber daß die Einsamkeit mir die Zeit gab mit mir ganz allein zu sein, um mit mir wieder ins Reine zu kommen. Angenehm war daß ich nichts mit Schwarzen zu tun hatte, womit ich in jedem gewöhnlichen Gefängnis wirklich doppelt gestraft gewesen wäre.

Niemand, der nicht wie ich solchem Terror und solchen Qualen ausgesetzt war, wird jemals verstehen können welche tiefe und nachhaltige Auswirkung solch eine Erfahrung mit sich bringt. Nun ist mein Körper aber ganz geheilt und ich habe mich von der eigenartigen Mischung von Depression und nervösem Gezitter erholt, die das Verhör bei mir hinterlassen hatte. Doch ich bin nicht mehr der gleiche Mann wie vordem. Mein Denken ist kälter und vielleicht sogar rücksichtsloser geworden. Ich bin entschlossener als jemals zuvor, mit unserem Auftrag weiterzumachen.

Ich habe jede Angst vor dem Tod verloren. Ich werde nicht unachtsamer Gefahren gegenüber sein -- eher weniger, wenn überhaupt -- aber nichts kann mich mehr in Schrecken versetzen. Ich werde viel härter gegen mich sein können als zuvor und wenn nötig auch gegenüber anderen. Wehe jedem jammernden Konservativen, wie auch immer er seine "Verantwortlichkeit" beteuern mag, und dadurch unserer Revolution im Wege steht, wenn ich zugegen bin! Ich werde mir von diesen nur auf sich selbst bedachten Kollaborateuren keine Entschuldigungen mehr anhören, sondern einfach nach meiner Pistole greifen.

Während der ganzen Zeit die ich und die anderen in Fort Belvoir verbrachten, sollten wir völlig von der Außenwelt abgeschnitten sein, und uns wurde kein Lesestoff erlaubt, weder Zeitungen noch etwas anderes. Trotzdem haben wir es bald verstanden, wenn auch in begrenztem Umfang, Neuigkeiten untereinander auszutauschen, und wir haben eine "Pipeline" für mündliche Nachrichtenübermittlung von außerhalb mit der Beihilfe unserer Bewacher hergestellt, ein uns nicht gänzlich übel gesinnter Haufen.

Die Nachrichten, die wir natürlich alle hören wollten, waren die des Krieges zwischen der Organisation und dem System. Wir waren besonders heiter gestimmt, wenn uns eine Meldung über eine erfolgreiche Aktion -- eine Greueltat im Jargon der Medien -- gegen das System erreichte, und wurden bedrückt wenn sich die Zeitspanne von Neuigkeiten über größere Aktionen auf mehr als ein paar Tage ausdehnte.

Mit der Zeit ging die Häufigkeit der Nachrichten über Aktionen beträchtlich zurück, und die Medien begannen mit zunehmender Zuversicht die kurz bevorstehende Liquidation der Reste der Organisation und damit die Rückkehr des Landes zu "normalen" Verhältnissen vorauszusagen. Das machte uns große Sorgen, aber unser Kummer wurde durch die Beobachtung gemäßigt, daß immer weniger neue Gefangene zu uns nach Fort Belvoir kamen. In der ersten Zeit, als ich dort war, wurde im Durchschnitt einer pro Tag neu eingeliefert, aber die Anzahl ging im August letzten Jahres auf weniger als einen pro Woche zurück.

Dann begannen die großen Bombenanschläge in Houston am 11. und 12. September 1992. An zwei Tagen, an denen die Erde erzitterte, wurden 14 schwere Bombenanschläge verübt, bei denen mehr als 4000 Personen getötet und der größte Teil von Houstons Industrie -- und Schiffahrtsanlagen in ein rauchendes Trümmerfeld verwandelt wurde.

Das Unternehmen begann als ein voll beladenes Munitionsschiff, das Luftbomben für Israel geladen hatte, am 11. September vor Morgengrauen im verkehrsreichen Schiffahrtskanal von Houston explodierte. Dieses Schiff riß weitere vier mit sich auf den Grund des Kanals, der dadurch vollkommen blockiert wurde, außerdem geriet eine in der Nähe befindliche riesige Ölraffinerie in Brand. Innerhalb einer Stunde gab es noch acht andere gewaltige Explosionen entlang des Schiffahrtskanals, die den zweitwichtigsten Hafen des Landes für mehr als vier Monate außer Betrieb setzten.

Fünf Explosionen, die zu einem späteren Zeitpunkt stattfanden, legten Houstons Flughafen still, zerstörten das Hauptelektrizitätswerk der Stadt und brachten zwei strategisch wichtig gelegene Straßenüberführungen und eine Brücke zum Einsturz, wodurch zwei der meistbefahrenen Autobahnen dieser Gegend unpassierbar wurden. Houston wurde urplötzlich zum Katastrophengebiet, und die Bundesregierung entsandte in aller Eile Tausende von Soldaten, deren Aufgabe es war eine zornige und von Panik erfaßte Öffentlichkeit unter Kontrolle zu halten, sowie auch gegen die Organisation vorzugehen.

Durch die Houston-Aktion haben wir keine Freunde gewonnen, aber doch der Regierung geschadet, und vor allem die wachsende Vorstellung verdrängt, unsere Revolution sei erstickt.

Und nach Houston kam Wilmington, dann Providence und danach Racine. Es gab weniger Aktionen als zuvor, aber sie waren viel, viel größer. Während des letzten Herbstes wurde uns klar, daß die Revolution in eine neue entscheidendere Phase eingetreten ist. Aber mehr darüber später.

Gestern abend fand für uns alle, die wir in Fort Belvoir waren, der wichtigste Vorfall statt. Kurz vor Mitternacht fuhren wie gewöhnlich zwei olivfarbene Busse am Tor zu unserer Gefängnisanlage vor. Normalerweise bringen sie ungefähr sechzig Militärpolizisten zur Mitternachtswachablösung und nehmen die Abendwache mit. Diesmal war etwas anders.

Eine erste leise Ahnung daß ein Ausbruch im Gange war, hatte ich schon als ich durch das Geknatter eines Maschinengewehres, das von einem der Wachtürme feuerte, aufgeweckt wurde. Es wurde ziemlich schnell durch einen Volltreffer aus der 105-mm-Kanone von einem der vier Panzer in unserem Gefängnisareal zum Schweigen gebracht. Danach wurde mit Unterbrechungen aus Kleinkaliberwaffen gefeuert und man hörte viel Geschrei und das Geräusch rennender Menschen. Schließlich barstete unter den Schlägen eines Vorschlaghammers die hölzerne Tür meiner Zelle nach innen auf, und ich war frei.

Ich war einer von etwa 150 Glücklichen, die sich in die zwei MP-Busse quetschten und damit hinaus fuhren. Mehrere Dutzend anderer hängten sich außen an die vier eroberten Panzer, deren unaufmerksame Mannschaften das erste Ziel unserer Befreier gewesen waren. Der Rest mußte zu Fuß gehen, sich durch einen Wolkenbruch dahinschleppend der wie eine glückliche Fügung die Armeehubschrauber am Boden festhielt.

Im ganzen verloren wir 18 getötete Gefangene und vier von unseren Befreiern, und 61 der unseren wurden wieder ergriffen. Aber 422 von uns -- den Radionachrichten zufolge -- haben es zu den außerhalb der Militärbasis wartenden Lastwagen geschafft, während die Panzer unsere Verfolger in Schach hielten.

Die Aufregung hatte damit noch kein Ende, aber es sei im Moment nur soviel gesagt daß es uns gelang, bis heute morgen vier Uhr, uns auf mehr als zwei Dutzend vorsorglich ausgewählte "sichere Häuser" im Raum Washington zu verteilen. Nach ein paar Stunden Schlaf schlüpfte ich in eine zivile Arbeitsgarnitur, nahm einen Satz gefälschter Ausweispapiere an mich, die man gewissenhaft und meisterlich für mich erstellt hatte, und mit einer Zeitung unter dem Arm und einem Pausenbrotköfferchen in der Hand machte ich mich unter den zur Arbeit eilenden Menschen auf den Weg zu dem mir mitgeteilten Treffpunkt.

Nach nur zwei Minuten hielt ein Kleinlaster, in dem sich ein Mann und eine Frau befand, am Bordstein neben mir. Die Tür öffnete sich und ich quetsche mich hinein. Als Bill weiterfuhr, in den Berufsverkehr hinein, hielt ich wieder meine geliebte Katherine in den Armen.



Verzeichnis aller Kapitel | Nächstes Kapitel


© 1998 National Vanguard Books · Box 330 · Hillsboro ·WV 24946 · USA