Die Turner-Tagebücher

Kapitel 12


4. Dezember 1991: Heute bin ich hinüber nach Georgetown gefahren um mit Elsa, der kleinen rothaarigen Aussteigerin der ich dort vor einigen Wochen begegnet war, zu sprechen. Der Grund meines Besuches sollte dem Versuch gelten, eine bessere Einschätzung des Potentials zu erhalten mit dem einige von Elsas Freunden eine Rolle in unserem Kampf gegen das System spielen könnten.

Eigentlich sind einige von ihnen -- oder aber Leute in ähnlichen Umständen -- bereits auf ihre Art in einem Krieg mit dem System verwickelt. Im vergangenen Monat haben solche Vorfälle in welchen aber die Organisation nicht verwickelt war, verwirrend stark zugenommen. Dabei eingeschlossen waren Bombenlegungen, Brandstiftung, Entführungen, gewalttätige öffentliche Demonstrationen, Sabotage, Todesdrohungen gegen führende Persönlichkeiten und sogar zwei Morde, die weitverbreitet publiziert wurden. Auf die Ausführung der vielfältigen Vorfälle haben so viele verschiedene Gruppen Anspruch erhoben -- Anarchisten, Steuerrebellen, "Befreiungsfronten" der einen oder anderen Couleur, ein halbes Dutzend sektiererischer religiöser Kulte -- so daß niemand mehr durchblickt. Jeder Spinner, der sein eigenes Süppchen kochen will, scheint da mitzumischen.

Die meisten dieser Leute sind so leichtsinnige Amateure daß sogar unser rassenintegriertes FBI bei ihrem Einfangen ziemlich erfolgreich ist, aber immer neue tauchen auf. Die allgemeine durch die Aktivitäten der Organisation zustande gekommene Atmosphäre revolutionärer Gewalttaten und die gewalttätigen Mittel, mit der die Regierung zurückschlägt, scheinen für die Ermutigung der meisten verantwortlich zu sein.

Der interessanteste Aspekt an dem Ganzen ist der erbrachte Beweis, daß das System die Gehirne der Bürger nicht vollends im Griff hat. Die meisten Amerikaner marschieren zwar immer noch geistig im Gleichschritt mit den Hohenpriestern der Fernsehreligion, aber eine wachsende Minorität ist aus dem Tritt gekommen und betrachtet das System nun als ihren Feind. Leider basiert ihre Feindschaft gewöhnlich auf falschen Annahmen, und es scheint fast unmöglich ihre Tätigkeiten mit den unseren auf einen Nenner zu bringen.

In der Tat besteht in den meisten Fällen überhaupt kein vernünftiger Sinn für diese Aktivitäten. Es ist eigentlich kein politisch motivierter Terrorismus, sondern für alle nur ein riesiges Dampfablassen für alle Ärgernisse in Form von Zerstörungswut. Die wollen nur etwas zusammenhauen, um den Leuten einige Wunden zu schlagen die sie als verantwortlich ansehen für die unerträgliche Welt, in der sie zu leben gezwungen sind. Die Brutalität in diesem riesigen Ausmaß, wie wir sie jetzt erleben, ist etwas mit dem die politische Polizei einfach nicht mehr lange fertig werden kann. Sie wird dadurch handlungsunfähig.

Außer den politischen Krawallmachern und den Verrückten haben noch zwei andere Gruppierungen der Bevölkerung eine wichtige Rolle bei den jüngsten Vorkommnissen gespielt: die schwarzen Separatisten und die organisierten Verbrecher. Bis vor ein paar Wochen hatte jedermann angenommen daß das System endlich die letzten der national gesinnten Schwarzen aus den Siebziger Jahren "gekauft" hat. Offenbar sind sie aber nur untergetaucht und haben sich um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert, doch jetzt glauben sie sich die Lippen lecken zu können in Vorfreude kommender Ereignisse. Anscheinend haben sie meistens die Büros von "Tom"-Gruppen in die Luft gejagt und sich gegenseitig beschossen, aber letzte Woche haben sie in New Orleans eine ziemlich große Ausschreitung begangen bei der viele Fensterscheiben zu Bruch gingen und es zu großen Plünderungen kam. Mehr Macht für sie!

Die Mafia und zwei oder drei große Gewerkschaften die ihr angehören, so wie ein paar andere organisierte Verbrechergruppen haben das Durcheinander und die Besorgnis der Öffentlichkeit ausgenutzt, indem sie ihre Erpressungsaktivitäten verstärkten. Wenn sie einem Geschäftsmann oder Händler androhen sein Geschäft betriebsunfähig zu bomben, es sei denn er bezahlte Schutzgeld, dann glaubt man ihnen heute schon eher als man das vor ein paar Monaten getan hätte. Und Menschenraub ist zu einem großen Geschäft geworden. Die Polizei ist viel zu sehr mit Dingen beschäftigt über die sich das System wirklich Sorgen macht (nämlich über uns) als sich mit berufsmäßigen Rowdys abzugeben; so haben auch die nun "ihren großen Tag."

Aus konsequenter, kaltblütiger Sicht müssen wir sogar diese Steigerung der Verbrechensrate als willkommen betrachten, da sie dazu beiträgt das Vertrauen der Öffentlichkeit in das System zu untergraben. Aber es muß der Tag kommen, an dem wir alle diese Elemente welche durch die vom System "gekauften" Richter so lange verhätschelt wurden, ohne weiteres Federlesen an die Wand stellen -- zusammen mit den Richtern.

Ich klopfte bei der Wohnung an, deren Adresse Elsa mir gegeben hatte, die Kellerwohnungstür eines einst eleganten Stadtwohnhauses. Als ich nach Elsa fragte, wurde ich von einer offensichtlich schwangeren jungen Frau mit einem brüllenden Kleinkind auf ihrem Arm hineingebeten. Als sich meine Augen dem trüben Licht angepaßt hatten, sah ich daß der ganze Keller als Gemeinschaftswohnung benutzt wurde. Decken und Leintücher, die an unter der Decke laufenden Rohren befestigt waren, dienten dazu den Raum grob in ein halbes Dutzend Ecken und Nischen als Schlafplätze mit etwas Intimsphäre zu unterteilen. Zusätzlich lagen da noch im Hauptteil des Kellers einige Matratzen auf dem Boden. Außer einem Kartenspieltisch neben dem Wäschebecken, in welchem zwei junge Frauen einige Kochutensilien abwuschen, gab es keine Möblierung, nicht einmal einen Stuhl.

An einer Wand befand sich ein uralter Holzherd als einzige Wärmequelle in dem großen Keller. Wie ich später erfuhr ist fließendes Wasser die einzige öffentliche Versorgung die der kleinen Kommune zur Verfügung steht, und nach Heizmaterial für ihren Herd suchen sie die Umgebung ab oder schicken eine Gruppe von Plünderern in die oberen Stockwerke um Türen, Treppengeländer, Fensterrahmen und sogar Holzböden herauszureißen. Hinter der stark verbarrikadierten Eisentür am Kellertreppeneingang hat eine andere, größere Kommune den oberen Teil des Hauses belegt, die sich oft ausgelassenen Drogenpartys hingibt und danach nicht mehr in der Lage ist, die Heizmaterialplünderer von unten abzuwehren.

Die Kellerbewohner meiden starke Drogen und fühlen sich den Leuten von oben ziemlich überlegen. Trotzdem ziehen sie für sich den schäbigen Keller vor, denn der ist leichter zu heizen und zu verteidigen als der obere Teil, weil die einzigen Fenster einige winzige schmutzige Scheiben nahe der Decke sind, viel zu klein um einen feindlichen Eindringling hereinzulassen. Außerdem ist es im Sommer kühler.

Als ich hereinkam lagen sieben oder acht Leute ausgestreckt auf Matratzen und guckten sich im von Batterien betriebenen Fernseher ein dummes Fernsehspiel an, wobei sie Marihuanazigaretten rauchten. Der ganze Raum war durchdrungen vom Gestank abgestandenen Biers, ungewaschener Wäsche und Marihuanarauch (Sie betrachten Marihuana nicht als Droge). Zwei kleine etwa vierjährige ganz nackte Jungen balgten und stritten sich auf dem Boden nahe beim Herd. Eine graue Katze, die bequem auf einer der außer Betrieb befindlichen Heizungsröhren unter der Decke saß, starrte neugierig auf mich herunter.

Zwar warfen die Leute auf den Matratzen einen kurzen Blick auf mich, nahmen aber weiter keine Notiz von mir. Ich konnte erkennen daß keines der Gesichter, die vom Fernsehschirm beleuchtet waren, Elsa's war. Doch als das Mädchen das mich hereingeführt hatte meinen Namen ausrief, wurde eine der Decken-"Trennwände" in einer hinteren Ecke beiseite geschoben und Elsa's Kopf und nackte Schultern wurden momentan sichtbar. Sie kreischte vor Freude als sie mich erblickte, duckte sich schnell hinter ihre Decke und erschien nach einem Moment in einem altmodischen Kleid. Als Elsa die Decke beiseite schlug und herauskam, war ich irgendwie unangenehm berührt, kurz eine andere Gestalt auf der Matratze in dem schwach beleuchteten Winkel zu sehen. War das etwa Eifersucht?

Elsa umarmte mich kurz mit echter Zuneigung und bot mir dann eine Tasse mit heißem Kaffee an, den sie aus einem verbeulten Topf auf dem Herd eingoß. Ich nahm den Kaffee dankbar an, denn der Gang von der Bushaltestelle hatte mich richtig unterkühlt. Wir setzten uns auf eine unbelegte Matratze nahe beim Herd. Das Geräusch des Fernsehers und der Lärm, den das schreiende Baby und die beiden sich schlagenden Jungen machten, gestattete es uns relativ gut, abgeschirmt zu reden.

Wir sprachen über viele Dinge, denn ich wollte nicht sofort mit dem wahren Grund meines Besuchs herausplatzen. Ich erfuhr eine Menge über Elsa und die Leute mit denen sie zusammenlebte. Manches was ich erfuhr machte mich nur traurig, aber anderes schockierte mich zutiefst.

Elsas eigene Lebensgeschichte ist schlimm. Sie ist das einzige Kind von Eltern, die zur oberen Mittelschicht gehören. Ihr Vater ist (oder war -- sie hat schon für über ein Jahr keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie) ein Redenschreiber für einen der mächtigsten Senatoren in Washington. Ihre Mutter ist eine Rechtsanwältin bei einer linksgerichteten Stiftung deren Hauptaktivität darin besteht, Häuser in weißen Vororten aufzukaufen und schwarze Familien, die von der Sozialhilfe leben, dort einzuquartieren.

Bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr war Elsa sehr glücklich. Ihre Familie lebte bis dahin in Connecticut und Elsa besuchte eine exklusive Privatschule für Mädchen. (Nach Geschlecht getrennte Schulen sind jetzt natürlich illegal.) Sie verbrachte die Sommer mit ihren Eltern im eigenen Ferienhaus am Strand. Elsas Gesicht leuchtete auf als sie von den Wäldern und Pfaden um ihr Ferienhaus herum erzählte und von den langen Wanderungen die sie dort unternahm. Sie besaß damals ihr eigenes kleines Segelboot und segelte oft zu einer kleinen küstennahen Insel, wo sie allein picknickte und viele glückliche Stunden tagträumend und in der Sonne liegend verbrachte.

Später zog die Familie nach Washington und ihre Mutter bestand darauf daß sie sich eher eine Wohnung in einer vorwiegend von Schwarzen bewohnten Gegend in der Nähe von Capitol Hill nahmen als in einem weißen Vorort. Elsa war eine von vier weißen Schülern in der Mittelschule in die sie die Eltern schickten.

Elsa ist früh reif geworden. Die natürliche Herzlichkeit, Offenheit und Unvoreingenommenheit in ihrem Wesen, verbunden mit außergewöhnlichen körperlichen Reizen, machten schon mit Fünfzehn ein Mädchen von ungewöhnlicher geschlechtlicher Anziehungskraft aus ihr. Die Folge war daß die Schwarzen, die auch das einzige andere weiße Mädchen an der Schule ständig belästigten, Elsa nicht in Frieden ließen. Die schwarzen Mädchen, denen das nicht entgangen war, haßten Elsa besonders leidenschaftlich und quälten sie auf alle mögliche Art und Weise.

Elsa wagte nicht zur Toilette zu gehen oder sogar sich nur für einen Moment aus dem Blickfeld der Lehrer zu entfernen solange sie in der Schule war. Sie mußte bald feststellen daß auch die Lehrer für sie kein richtiger Schutz waren, als einer der schwarzen Stellvertreter des Rektors sie eines Tages in eine Ecke drückte und versuchte seine Hand in ihr Kleid zu zwängen.

Jeden Tag kam Elsa weinend aus der Schule nach Hause, und bat ihre Eltern sie auf eine andere Schule zu schicken. Ihre Mutter antwortete darauf indem sie sie anschrie, ihr Ohrfeigen verabreichte und sie als "Rassistin" bezeichnete. Wenn die schwarzen Jungen sie belästigten sei es nicht deren Schuld, sondern ihre. Und sie sollte sich stärker bemühen mit den schwarzen Mädchen Freundschaft zu schließen.

Ebensowenig trug ihr Vater zu ihrem Wohl bei, auch als sie ihm von dem Vorfall mit dem Rektor-Stellvertreter erzählte. Die ganze Angelegenheit war ihm peinlich und er wollte nichts davon hören. Seine Art von Liberalismus war mehr passiv als der ihrer Mutter, und gewöhnlich wurde er durch seine völlig "liberalisierte" Frau so eingeschüchtert daß er sich in allen Angelegenheiten, die mit Rasse zu tun hatten, ihr fügte. Sogar als ihn drei junge Rowdys an seiner eigenen Türschwelle anhielten, ihm seine Geldbörse und Armbanduhr wegnahmen und danach niederschlugen und seine Brille zertraten, erlaubte Elsa's Mutter ihm nicht die Polizei zu verständigen um den Überfall zu melden. Allein der Gedanke, eine Anzeige bei der Polizei gegen Schwarze zu machen, betrachtete sie als "ganz schön faschistisch."

Elsa hielt das drei Monate lang aus und lief dann von zu Hause weg. Sie wurde bei der kleinen Kommune in der sie jetzt lebt aufgenommen, und da sie im Grunde eine fröhliche Veranlagung hat, hat sie es gemeistert mit ihrer neuen Situation einigermaßen zufrieden zu sein.

Dann, vor etwa einem Monat, fingen die Schwierigkeiten an die zu meiner Begegnung mit ihr führten. Ein neues Mädchen, Mary Jane, hatte sich ihrer Gruppe angeschlossen, und es kam zu Reibereien zwischen Elsa und Mary Jane. Der junge Mann der die Matratze mit Elsaß zur Zeit teilte, kannte Mary Jane anscheinend schon bevor eine der beiden sich der Gruppe anschloß, und Mary Jane betrachtete Elsaß als eine Person, die von ihm widerrechtlich Besitz ergriffen hatte. Elsa wiederum nahm es Mary Jane übel, daß sie versuchte auf ziemlich plumpe Art ihren Freund von ihr wegzulocken. Das Resultat war daß sie sich eines Tages einen Kampf lieferten bei dem sie schreiend, sich an den Haaren ziehend und mit den Fingernägeln kratzend aufeinander losgingen, einen Kampf den Mary Jane, da sie die Stärkere war, schließlich gewann.

Elsa irrte zwei Tage lang in den Straßen umher -- das war, als ich ihr begegnete -- und kehrte danach wieder zu der Kellerkommune zurück. Zwischenzeitlich ist Mary Jane mit einer der anderen Mädchen in der Gruppe in Konflikt geraten und Elsa wollte diesen Vorteil ausnützen und stellte ein Ultimatum: Entweder Mary Jane geht, oder sie Elsa würde für immer weggehen. Mary Jane reagierte darauf, indem sie Elsa mit einem Messer bedrohte.

"Na, was ist passiert?" fragte ich.

"Wir verkauften sie." antwortete Elsa schlicht.

"Ihr habt sie verkauft? Was meinst Du damit?" rief ich aus.

Elsa erklärte es so: " Mary Jane weigerte sich zu gehen, obwohl sich alle auf meine Seite gestellt hatten. Dann haben wir sie an Kappy verkauft. Er gab uns dafür das Fernsehgerät und zweihundert Dollar."

Wie sich herausstellte war Kappy ein Jude namens Kaplan, der sich seinen Lebensunterhalt mit dem Sklavenhandel von Weißen verdiente. Er macht regelmäßig Fahrten von New York nach Washington mit dem Zweck, von zu Hause weggelaufene Mädchen zu kaufen. Gewöhnlich sind seine Lieferanten die "Wolfsrudel", aus denen ich Elsa gerettet hatte. Diese räuberischen Gruppen fangen Mädchen einfach von der Straße weg und halten sie für etwa eine Woche gefangen, um sie dann, wenn ihr Verschwinden keine Schlagzeilen in den Zeitungen verursacht hat, an Kaplan zu verkaufen.

Was mit den Mädchen danach passiert vermag niemand mit Sicherheit zu sagen, aber man denkt daß die meisten in exklusiven Klubs in New York festgehalten werden, wo die Reichen hingehen um ihre perversen Sexgelüste zu befriedigen. Es gibt Gerüchte nach denen einige von ihnen schließlich an einen "Satanischen Klub" verkauft werden, um bei schaurigen Ritualen unter großen Qualen verstümmelt zu werden. Wie es auch sei, jemand in der Kommune erfuhr daß Kaplan sich in der Stadt aufhielt um "zu kaufen", und als Mary Jane uns nicht verlassen wollte, wurde sie gefesselt. Dann machten wir Kaplan ausfindig und tätigten den Verkauf.

Ich dachte bisher daß man mich mit nichts erschüttern konnte, aber Elsas Geschichte über Janes Schicksal erfüllte mich mit Entsetzen. "Wie konntest Du nur ein weißes Mädchen an einen Juden verkaufen?" fragte ich in einem groben Ton. Elsa wurde wegen meines sichtlichen Mißfallens verlegen. Sie gab zu, daß es eine schreckliche Sache war die man da getan hatte, und daß sie sich manchmal schuldig fühlt wenn sie an Mary Jane denkt, aber es schien zur Zeit die praktischste Lösung des Problems in der Kommune zu sein. Sie brachte die klägliche Entschuldigung vor, daß so etwas dauernd passiert, und daß die Behörden offenbar von allem Kenntnis haben und sich nicht einmischen, so daß demnach es sich eigentlich mehr um ein Verschulden der Gesellschaft als um ihres handelt.

Ich schüttelte angeekelt meinen Kopf; aber dieser Wechsel in unserem Gespräch war für mich eine günstige Gelegenheit auf das Thema zu sprechen zu kommen an dem ich hauptsächlich interessiert war. "Eine Zivilisation welche die Existenz von Kaplan und sein dreckiges Geschäft toleriert, muß bis auf den Grund niedergebrannt werden" sagte ich. "Wir sollten die ganze Sache in einem Freudenfeuer verbrennen und dann von vorne anfangen."

Ich hatte unbewußt so laut gesprochen daß jedermann im Keller meine letzte Bemerkung hören konnte. Ein struppiges Individuum erhob sich von der Matratze vor dem Fernseher und schlenderte zu uns herüber. "Was kann man schon tun?" fragte er, worauf er eigentlich keine Antwort erwartete. "Kappy wurde schon mindestens ein Dutzendmal verhaftet, aber die Polizisten lassen ihn immer wieder laufen. Er hat politische Verbindungen. Einige der wichtigsten Juden von New York sind seine Kunden. Und ich habe davon gehört daß zwei oder drei Kongreßmänner regelmäßig da hinauf fahren um die Klubs zu besuchen die er beliefert."

"Dann müßte jemand den Kongreß in die Luft sprengen", antwortete ich.

"Ich glaube das ist schon versucht worden", sagte er und lachte dabei, womit er offenbar den Granatwerferangriff der Organisation meinte.

"Gut, wenn ich jetzt eine Bombe hätte würde ich es selbst versuchen," sagte ich. "Wo kann ich etwas Dynamit herbekommen?"

Der Bursche zuckte mit den Achseln und ging zum Fernseher zurück. Dann versuchte ich Auskünfte aus Elsa herauszuholen. Welche Gruppen haben in Georgetown bombardiert? Wie kann ich mit einem von ihnen in Verbindung treten?

Elsa versuchte zu helfen, aber sie wußte einfach nichts. Das war ein Thema für das sie kein spezielles Interesse hatte. Endlich rief sie zu dem Mann hinüber der vorher herübergeschlendert war: "Harry, sind die Leute aus der 29. Straße nicht diejenigen, welche sich 'Vierte-Welt-Befreiungsfront' nennen, um die Schweine zu bekämpfen?"

Harry war von ihrer Frage offensichtlich nicht begeistert. Er sprang auf seine Füße, sah uns zwei mit einem wütenden feindseligen Blick an und stapfte ohne zu antworten aus dem Keller hinaus, wobei er die Tür hinter sich zuknallte.

Eine der Frauen am Waschbecken drehte sich um und erinnerte Elsa daran, daß sie heute an der Reihe war, das Mittagessen zu zubereiten und daß sie noch nicht einmal die Kartoffeln zum Kochen aufgesetzt habe. Ich drückte Elsas Hand, wünschte ihr alles Gute und machte mich wieder auf den Weg.

Ich glaube, ich habe die Sache ziemlich verpfuscht. Es war unglaublich naiv von mir, zu glauben daß ich einfach so in einer Aussteigergemeinschaft auftauchen könnte und man mir höflich jemand vorstellen würde, der in gewalttätigen, illegalen Aktivitäten gegen das System verwickelt ist. Natürlich hat jeder Geheimagent der Polizei in Washington schon das gleiche zu machen versucht. Jetzt wird wohl das Gerücht die Runde machen, daß ich auch ein Polizist sei. Das hat jegliche meiner Chancen, mit militanten Systemgegnern aus diesem speziellen Milieu in Kontakt zu kommen, vermasselt.

Natürlich könnten wir einen anderen hinüber schicken um die "Vierte Weltbefreiungsfront", oder was sie zum Teufel auch immer sein mag, ausfindig zu machen. Aber ich muß mich jetzt fragen ob darin noch ein Sinn besteht. Mein Besuch bei Elsa hat mich ziemlich gründlich davon überzeugt daß die Leute, die ein Leben im gleichen Stil führen wie sie es tut, nicht viel Potential für eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Organisation haben. Ihnen fehlt die Selbstdisziplin und sie sehen im Leben keinen wirklichen Sinn. Sie haben sich aufgegeben. Alles was sie wirklich tun wollen ist den ganzen Tag herumzuliegen, zu vögeln und Pot zu rauchen. Ich glaube fast, wenn die Regierung ihre Sozialbezüge verdoppeln würde, würden sogar die Bombenschmeißer ihr militantes Verhalten aufgeben.

Elsa ist im Grunde genommen eine Jugendliche mit guter Veranlagung, und es wird noch einige andere geben deren Instinkt größtenteils noch in Ordnung ist, aber die einfach nicht mit dieser alptraumhaften Welt fertig wurden und so beschlossen sie "auszusteigen." Obgleich wir beide die Welt im gegenwärtigen Zustand ablehnen und beide gewissermaßen Aussteiger sind, gibt es einen Unterschied zwischen den Leuten in der Organisation und Elsas Freunden, nämlich daß wir in der Lage sind mit der Sache fertig zu werden und sie nicht. Ich kann mir nicht vorstellen daß ich, Henry, Katherine oder jeder andere aus der Organisation den ganzen Tag nur vor dem Fernseher herumsitzen und die Welt Revue passieren lassen könnten, wo es doch soviel zu tun gibt. Das ist der Unterschied in Menschenqualität.

Doch darüber hinaus dreht es sich noch um eine Qualität die für uns wichtig ist, aber den meisten Amerikanern fehlt. Sie werden mit ihrer Situation immer noch fertig, einige mal geradeso und einige ganz erfolgreich. Aber sie wenden sich nicht gegen das System, weil ihnen eine gewisse Sensibilität abgeht -- eine Sensibilität die wir, wie ich glaube, mit Elsa und den besten ihrer Freunde gemeinsam haben -- eine Sensibilität die es uns möglich macht den Gestank dieser verfaulenden Gesellschaft wahrzunehmen der in uns ein würgendes Gefühl hervorruft. Die Polizisten da draußen, geradeso wie viele die keine Polizisten sind, können entweder den Gestank nicht riechen oder er stört sie nicht. Die Juden könnten sie in irgendwelchen Schweinestall führen, und solange da reichlich Fraß vorhanden ist würden sie sich dort anpassen. Die Entwicklung hat aus ihnen gewandte Überlebungskünstler gemacht, aber sie in einer anderen wichtigen Beziehung unterentwickelt.

Was für ein zerbrechliches Ding ist doch die Zivilisation des Menschen! Wie oberflächlich ist seine natürliche Grundeinstellung! Und von wie wenigen, die der wimmelnden Masse eine Lebensform schaffen hängt ihr Lebensquell ab!

Ich bin davon überzeugt daß ohne das Vorhandensein von vielleicht ein oder zwei Prozent der fähigsten Einzelmenschen -- der dynamischsten, intelligentesten und fleißigsten unserer Mitbürger -- weder diese noch irgendeine andere Zivilisation sich lange aufrechterhalten könnten. Sie würde allmählich auseinanderfallen, wenn auch vielleicht erst nach Jahrhunderten, und die Menschen würden nicht den Willen, die Energie und Begabung haben, um die Risse wieder auszubessern. Schließlich würde alles in seinen natürlichen vorzivilisatorischen Zustand zurückfallen, einem Zustand der sich nicht allzusehr von dem der "Aussteiger" in Georgetown unterscheidet.

Aber selbst Energie, Wille und Begabung sind eindeutig nicht genug. Amerika hat immer noch genug Menschen die einen Überschuß an Leistung erbringen, um das Weiterdrehen der Räder zu gewährleisten. Aber diese Leistungsträger scheinen nicht bemerkt zu haben daß die Maschine, die durch ihre Anstrengungen am Laufen gehalten wird, schon lange von ihrer Bahn abgekommen ist und jetzt kopfüber in einen Abgrund stürzt. Bezüglich der Richtung die sie eingeschlagen haben, sind sie für die Scheußlichkeiten und Widernatürlichkeiten, sowie die am Ende drohenden Gefahren, unempfindlich.

Es ist wirklich nur die Minderheit einer Minderheit die unsere Rasse aus dem Dschungel herausführte und uns die ersten Schritte zu wahrer Zivilisation zeigte. Wir verdanken alles jenen wenigen unserer Vorfahren, welche zum einen den Instinkt hatten für das, was zu tun ist, und zum andern die Fähigkeit es in die Tat umzusetzen. Ohne Einfühlsamkeit kann keine noch so große Fähigkeit zu Großem führen und ohne Fähigkeit führt Einfühlsamkeit nur zu Tagträumen und Frustrierung. Die Organisation hat aus der großen Masse von Menschenmaterial diejenigen unserer Generation ausgewählt welche diese seltene Kombination besitzen. Jetzt müssen wir alles Notwendige tun um die Herrschaft zu gewinnen.



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