Die Turner-Tagebücher
Kapitel 1
16. September 1991:
Heute haben wir endlich begonnen. Nach all den Jahren des Redens -- und nichts als Reden -- unsere erste Aktion. Wir befinden uns im Krieg gegen das System, und es ist nicht länger nur ein Krieg mit Worten.
Da ich nicht schlafen kann, werde ich versuchen, einige meiner Gedanken, die mir durch den Kopf jagen, aufzuschreiben.
Hier zu sprechen ist gefährlich. Die Wände sind ziemlich dünn, und die Nachbarn könnten sich über die nächtliche Unterhaltung wundern. Außerdem schlafen George und Katherine schon. Nur Henry, der unentwegt an die Decke starrt, und ich sind noch wach.
Ich bin so angespannt und nervös, daß ich kaum ruhig liegen kann. Zudem bin ich erschöpft, da ich bereits seit heute morgen früh auf den Beinen bin, als George uns um 5.30 Uhr telephonisch darüber informierte, daß die Verhaftungen begonnen hätten. Jetzt ist es nach Mitternacht. Den ganzen Tag war ich auf Achse.
Gleichzeitig fühle ich mich aber großartig. Endlich haben wir gehandelt. Wie lange wir dem System die Stirn zu bieten vermögen, weiß niemand so genau. Morgen könnte schon alles vorbei sein, doch daran dürfen wir zu diesem Zeitpunkt nicht denken. Da wir nun endlich in Aktion getreten sind, müssen wir mit unserem Plan, den wir seit den Waffenrazzien vor zwei Jahren so sorgfältig ausgearbeitet haben, weiterfahren.
Die Waffenrazzien waren in der Tat ein schwerer Schlag für uns und gereichten uns allen zur Schande. Manch aufrechter Patriot hatte kurz zuvor noch stolz gesagt: "Die Regierung wird niemals meine Waffen kriegen!" Als es dann aber geschah, unterwarfen sich die meisten widerstandslos und feige dem System.
Vielleicht sollte uns aber die Tatsache ermutigen, daß achtzehn Monate nach Inkrafttreten des Cohen-Gesetzes, das den privaten Waffenbesitz in den Vereinigten Staaten unter Strafe stellt, noch so viele von uns Waffen besaßen. Nur weil wir so zahlreich das neue Gesetz mißachtet und unsere Waffen versteckt hatten, anstatt sie abzuliefern, konnte die Regierung nach den Waffenrazzien nicht noch härter gegen uns vorgehen.
Ich werde niemals jenen schrecklichen 9. November 1989 vergessen, als sie um fünf Uhr morgens an meine Tür klopften und ich völlig ahnungslos nachschaute, wer da war.
Kaum hatte ich die Tür geöffnet, drangen vier Schwarze in meine Wohnung ein. Ich hatte keine Chance, sie aufzuhalten. Einer von ihnen trug einen Baseballschläger, zwei hatten lange Küchenmesser in ihrem Gürtel stecken. Der mit dem Baseballschläger schubste mich in eine Ecke und bewachte mich mit drohend erhobenem Baseballschläger, während die anderen drei sich daranmachten, meine Wohnung zu durchsuchten.
Zuerst dachte ich, daß es sich um Einbrecher handeln müsse, waren doch Einbrüche dieser Art seit dem Cohen-Gesetz an der Tagesordnung: Schwarze verschafften sich häufig gewaltsam Zugang zu einer weißen Wohnung, stahlen, mordeten, vergewaltigten und mußten nicht einmal Angst vor bewaffneter Gegenwehr ihrer Opfer haben, da selbst jene, die noch Waffen besaßen, kaum den Mut aufbrachten, sie unter dem neuen Gesetz zu benutzen.
Plötzlich hielt mir mein Bewacher eine Art Ausweis unter die Nase und setzte mich darüber in Kenntnis, daß er und seine Begleiter Sonderbeauftragte des Northern Virginia Human Relations Council seien und nach versteckten Waffen suchten.
Ich wollte nicht glauben, was hier gerade vor sich ging. Dann bemerkte ich, daß sie um den linken Arm einen grünen Stoffstreifen gebunden hatten. Während sie den Inhalt der Schubladen auf den Boden kippten und Gepäck vom Schrank rissen, ließen sie Dinge unbeachtet, die kein Einbrecher sich hätte entgehen lassen: einen brandneuen elektrischen Rasierapparat, eine wertvolle goldene Taschenuhr und eine Milchflasche voll mit Zehncentstücken. Sie suchten tatsächlich nach Waffen.
Gleich nach Inkrafttreten des Cohen-Gesetzes hatten wir alle in der Organisation unsere Waffen und Munition in Sicherheit gebracht. Die Leute meiner Einheit hatten ihre sorgfältig eingefetteten Waffen in ein Ölfaß gesteckt und ein ganzes anstrengendes Wochenende damit verbracht, es versiegelt in einer zweieinhalb Meter tiefen Grube, die zweihundert Meilen von hier in den Wäldern West-Pennsylvanias liegt, zu vergraben.
Einen großkalibrigen Revolver hatte ich jedoch behalten und ihn zusammen mit fünfzig Schuß Munition im Türrahmen zwischen Küche und Wohnzimmer versteckt. Ich mußte nur zwei gelockerte Nägel und ein Brett vom Türrahmen entfernen, um meinen Revolver im Ernstfall schnell zur Hand zu haben. Dazu brauchte ich -- gemäß Stoppuhr -- genau zwei Minuten.
Die Polizei aber würde bei einer Hausdurchsuchung nie auf ihn stoßen. Und diese unerfahrenen Schwarzen waren ohnehin nicht clever genug, um ihn zu finden, selbst wenn sie jahrelang danach suchten.
Nachdem die drei, die mit der Durchsuchung beschäftigt waren, an allen üblichen Orten nachgeschaut hatten, fingen sie an, Matratzen und Sofakissen aufzuschlitzen. Ich protestierte energisch dagegen und überlegte kurz, ob ich deswegen einen Streit anfangen sollte.
Ungefähr zur gleichen Zeit kam es im Flur zu großer Aufregung. Ein anderer Suchtrupp war auf ein Gewehr gestoßen, das ein junges Paar in der Wohnung am Ende des Flures unter dem Bett versteckt hielt. Die beiden, die nur in ihrer Unterwäsche dastanden, wurden mit Handschellen gefesselt und abgeführt. Die Frau beklagte sich lauthals darüber, daß sie ihr Kleinkind alleine in der Wohnung zurücklassen mußte.
Ein weiterer Mann betrat meine Wohnung. Er war weiß, aber von ungewöhnlich dunklem Teint. Er hatte ebenfalls eine grüne Armbinde um und trug einen Aktenkoffer und ein Klemmbrett, auf dem eine Liste befestigt war.
Die Schwarzen grüßten ihn respektvoll und teilten ihm mit, daß ihre Suche bisher erfolglos verlaufen sei: "Keine Waffen gefunden, Herr Tepper."
Tepper suchte auf seiner Liste mit Adressen nach meinem Namen. Als er ihn fand, runzelte er die Stirn und sagte: "Ein übler Kerl. Wegen rassistischen Umtrieben vorbestraft und zweimal vom Rat vorgeladen. Besaß acht Schußwaffen, die nie abgegeben wurden."
Tepper öffnete seinen Aktenkoffer und nahm einen kleinen schwarzen Gegenstand, etwa in der Größe einer Zigarettenschachtel, heraus, der durch ein langes Kabel mit einem elektronischen Gerät im Koffer verbunden war. Mit dem Gegenstand fuhr er in langen Bogenbewegungen über die Wand, während der Koffer ein dumpfes Brummgeräusch von sich gab, das merklich höher wurde, sobald Tepper in die Nähe des Lichtschalters kam. Er wußte, daß die Änderung des Tons von der metallenen Verteilerdose und dem Isolierrohr in der Wand verursacht wurde.
Als Tepper über die linke Seite des Küchentürrahmens strich, ging das Brummen unmittelbar in ein schrilles Pfeifen über. Er grunzte vor Aufregung, während einer der Schwarzen hinauseilte und ein paar Sekunden später mit einem Vorschlaghammer und einer Brechstange zurückkam. In weniger als zwei Minuten war meine Waffe entdeckt.
Sie legten mir sofort Handschellen an und führten mich hinaus. Im ganzen wurden vier Leute in meinem Block verhaftet. Außer dem Ehepaar und mir wurde noch ein älterer Mann aus dem vierten Stock verhaftet, bei dem man zwar keine Waffe, dafür aber im Schrank vier Patronen für eine Schrotflinte gefunden hatte. Auch der Besitz von Munition ist laut Cohen-Gesetz illegal.
Während Herr Tepper und seine schwarzen Handlanger noch andere Hausdurchsuchungen durchführten, bewachten uns drei riesige, mit Baseballschlägern und Messern bewaffnete Schwarze vor dem Haus.
Halb angezogen mußten wir vier mehr als eine Stunde auf dem kalten Asphalt sitzen, bis endlich ein Polizeiwagen kam, um uns abzuholen.
Während wir dort saßen, trafen uns immer wieder die neugierigen Blicke unserer Nachbarn, die gerade zur Arbeit fuhren. Wir zitterten alle vor Kälte. Die junge Frau aus der Wohnung am Ende des Ganges weinte laut.
Ein Mann blieb stehen und fragte, was hier los sei. Einer unserer Bewacher antwortete schroff, daß wir alle wegen illegalen Waffenbesitzes festgenommen seien. Der Mann starrte uns an und schüttelte mißbilligend den Kopf.
Dann zeigte der Schwarze auf mich und sagte: "Und dieser hier ist ein Rassist." Der Mann, der seinen Kopf noch immer vorwurfsvoll schüttelte, ging weiter.
Herb Jones, der früher der Organisation angehört hatte und immer einer jener Leute gewesen war, die vor Inkrafttreten des Cohen-Gesetzes lauthals versicherten, daß sie ihre Waffen niemals abgeben würden, eilte mit abgewandtem Blick schnell an uns vorbei. Seine Wohnung war auch durchsucht worden, doch Herb hatte eine reine Weste, war er doch praktisch der erste Mann in der Stadt gewesen, der nach Inkrafttreten des Cohen-Gesetz, das für illegalen Waffenbesitz eine Gefängnisstrafe von zehn Jahre vorsieht, seine Waffe schnurstracks bei der Polizei ablieferte.
Und genau diese Strafe hatten wir alle, die wir auf dem Gehsteig saßen, zu erwarten. Doch es kam anders. Aufgrund der vielen Razzien, die an diesem Tag im ganzen Land durchgeführt wurden, gingen mehr Leute ins Netz, als das System erwartet hatte. Mehr als 800 000 Personen wurden festgenommen.
Zu Beginn setzten die Medien alle Hebel in Bewegung, um in der breiten Öffentlichkeit so viel Haß gegen uns zu schüren, daß ja keiner von uns Verhafteten wieder freigelassen würde. Da es im ganzen Land für uns alle aber nicht genügend Gefängniszellen gab, schlugen die Zeitungen vor, man solle uns doch im offenen Gelände so lange hinter Stacheldraht halten, bis man neue Gefängnisse errichtet habe. Und das bei eiskaltem Wetter!
Ich erinnere mich noch gut an die Schlagzeile in der Washington Post am folgenden Tag: "Faschistisch-rassistische Verschwörung zerschlagen, illegale Waffen beschlagnahmt." Aber nicht einmal die amerikanische Öffentlichkeit konnte so recht daran glauben, daß fast eine Million ihrer Mitbürger in eine heimliche, bewaffnete Verschwörung gegen die Regierung verwickelt sein soll.
Je mehr Einzelheiten über die Razzien durchsickerten, desto größer wurde die Unruhe in der Öffentlichkeit. Die Leute fragten sich vor allem, weshalb die Wohngebiete der Schwarzen praktisch ganz von Hausdurchsuchungen verschont geblieben waren. Anfänglich wurde dies damit erklärt, daß man in erster Linie "Rassisten" des illegalen Waffenbesitzes verdächtige und deshalb wenig Anlaß dazu gehabt habe, auch die Wohnungen von Schwarzen zu durchsuchen.
Die eigenartige Logik dieser Erklärung brach in sich zusammen, als wenig später bekannt wurde, daß eine ganze Reihe von Personen festgenommen worden waren, die beim besten Willen nicht als "Rassisten" oder "Faschisten" bezeichnet werden konnten. Darunter befanden sich zwei prominente liberale Zeitungskolumnisten, die als führende Köpfe der Antiwaffenbewegung galten, vier schwarze Kongreßabgeordnete, die in weißen Wohngegenden lebten, und eine beschämend große Anzahl von Regierungsbeamten.
Es stellte sich heraus, daß die Liste mit den Adressen der zu durchsuchenden Wohnungen in erster Linie aus den gesetzlich vorgeschriebenen Kundenregistern der Waffengeschäfte zusammengestellt worden war. Diejenigen Waffenbesitzer, die nach Inkrafttreten des Cohen-Gesetzes ihre Waffe bei der Polizei abgeliefert hatten, wurden von der Liste gestrichen. Alle anderen blieben auf der Liste und mußten -- es sei denn, sie lebten in einer schwarzen Wohngegend -- am 9. November eine Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen.
Darüber hinaus waren bei einer bestimmten Kategorie von Leuten -- so etwa bei den Mitgliedern unserer Organisation -- Durchsuchungen unabhängig davon durchgeführt worden, ob sie jemals eine Waffe gekauft hatten oder nicht.
Die Liste mit Verdächtigen der Regierung war so umfangreich, daß eine Reihe von "verantwortungsvollen" Zivilisten beauftragt worden war, bei den Durchsuchungen mitzuhelfen. Ich vermute, daß die Regierung nur mit einem Viertel der dann tatsächlich festgenommen Personen gerechnet hatte. Sie hatte angenommen, daß die meisten auf der Liste ihre Waffen nach Erlaß des Cohen-Gesetzes entweder privat verkauft oder sie auf irgendeine andere Weise beseitigt hätten.
Wie dem auch sei, die ganze Angelegenheit wurde für die Regierung bald so peinlich und unbequem, daß die meisten der Gefangenen innerhalb einer Woche wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. Die Gruppe, bei der ich dabei war und die etwa 600 Personen umfaßte, wurde wieder freigelassen, nachdem sie drei Tage lang in der Turnhalle einer Schule in Alexandria festgehalten worden war. Während dieser drei Tage bekamen wir nur dreimal zu essen und konnten kaum schlafen.
Vor unserer Freilassung machte die Polizei von jedem ein Photo, nahm seine Fingerabdrücke und speicherte seine persönlichen Daten. Bei unserer Entlassung teilte man uns mit, daß wir nur vorläufig freigelassen würden und jederzeit damit rechnen müßten, wieder verhaftet zu werden, sobald unser Prozeß beginne.
Die Medien schrien noch eine Weile nach strafrechtlicher Verfolgung aller Verhafteten, doch allmählich ließ man über die ganze Angelegenheit, die das System doch arg in Verlegenheit gebracht hatte, Gras wachsen.
Nach unserer Freilassung steckte uns der Schrecken noch einige Tage lang in den Knochen. Wir waren froh, heil aus der ganzen Sache herausgekommen zu sein. Viele von uns verließen die Organisation, da sie kein Risiko mehr eingehen wollten.
Andere wiederum verblieben in der Organisation, verwendeten die Waffenrazzien aber als Entschuldigung für ihr Nichtstun: Da nun alle Patrioten entwaffnet seien, seien wir alle dem System auf Gedeih und Verderben ausgeliefert und müßten aus diesem Grunde viel vorsichtiger sein. Wir dürften keine neuen Mitglieder mehr öffentlich anwerben und sollten in den Untergrund gehen.
Wie sich später herausstellte, strebten sie eine Organisation an, die nur noch "sichere" Aktionen durchführte. Mit anderen Worten hätten wir uns also darauf beschränken sollen, über die Mißstände in unserem Lande -- wenn möglich im Flüsterton -- zu jammern und zu klagen.
Die militanteren Mitglieder der Organisation wollten jedoch ihre Waffen ausgraben und sofort mit Terroraktionen gegen Bundesrichter, Zeitungsredakteure, Kongreßabgeordnete und andere wichtige Repräsentanten des Systems beginnen. Sie waren der Ansicht, daß wir mit dem Kampf gegen die Tyrannei -- zumal nach den Waffenrazzien -- die amerikanische Öffentlichkeit auf unsere Seite bringen könnten.
Es ist heute schwer zu sagen, ob die Militanten in der Organisation recht hatten oder nicht. Ich persönlich halte ihre Ansicht für falsch, obwohl ich damals auf ihrer Seite stand. Wir hätten sicherlich eine ganze Reihe von Individuen, die für Amerikas Niedergang verantwortlich waren, eliminieren können; auf lange Sicht hätten wir aber mit Sicherheit verloren.
Erstens war die Organisation einfach nicht diszipliniert genug, um mit Terrormethoden gegen das System vorzugehen. Es gab zu viele Feiglinge und Schwätzer unter uns. Informanten, Dummköpfe, Schwächlinge und verantwortungslose Nullen hätten uns früher oder später ins Verderben gestürzt.
Zweitens bin ich mir heute sicher, daß wir die Stimmung im Volk zu optimistisch eingeschätzt hatten. Was wir fälschlicherweise als allgemeine, durch die Aufhebung von Bürgerrechten während der Waffenrazzien verursachte Animosität gegen das System interpretiert hatten, stellte sich als eine nur vorübergehende Welle des Unbehagens über das Chaos während der Massenverhaftungen heraus.
Sobald den Menschen durch die Medien versichert worden war, daß sie nicht in Gefahr seien und die Regierung lediglich gegen "Rassisten, Faschisten und andere asoziale Elemente" vorginge, die illegal Waffen besäßen, beruhigten sie sich wieder, kehrten zu ihrem Fernseher zurück und vergnügten sich weiter mit ihren Comicheften.
Als wir unsere Fehleinschätzung erkannten, waren wir entmutigter als je zuvor. Alle unsere Pläne -- und das ideologische Selbstverständnis der Organisation an sich -- hatten auf der Annahme basiert, daß die Amerikaner die Tyrannei von Natur aus haßten und dazu gebracht werden könnten, eine zu despotisch gewordene Regierung zu stürzen. Leider hatten wir nicht früh genug erkannt, wie stark unsere Mitbürger bereits vom Materialismus korrumpiert und von den Medien manipuliert waren.
Solange die Regierung die Wirtschaft auch nur halbwegs in Schwung zu halten vermag, ist das Volk bereit, über jede noch so große Ungeheuerlichkeit hinwegzusehen. Trotz anhaltender Inflation und sinkenden Lebensstandards kann sich eine Mehrheit der Amerikaner noch heute ihren Bauch vollschlagen, was für die meisten von ihnen -- damit müssen wir uns wohl oder übel abfinden -- oberste Priorität hat.
Obgleich unsicher und entmutigt, begannen wir neue Pläne für die Zukunft zu schmieden. Als erstes entschieden wir uns dazu, unser öffentliches Rekrutierungsprogramm beizubehalten, es sogar zu intensivieren und unsere Propaganda so provokativ wie nur möglich zu gestalten. Wir wollten nicht nur neue Mitglieder militanter Gesinnung gewinnen, sondern die Organisation auch gleichzeitig von Feiglingen und Schwätzern säubern.
In der Organisation herrschte von nun an eine strengere Disziplin. Ein Mitglied, das zu einer geplanten Versammlung zweimal nacheinander nicht erschien, ihm zugewiesene Aufträge nicht erfüllte oder vertrauliche Informationen ausplauderte, wurde kurzerhand aus der Organisation hinausgeworfen.
Wir waren fest entschlossen, eine Organisation aufzubauen, die bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit bereit war, gegen das System loszuschlagen. Die Schande unseres Versagens von 1989, als wir uns nicht gegen das System aufzulehnen imstande waren, quälte uns und stählte unseren Willen, unsere Organisation trotz aller Hindernisse in Kampfform zu bringen.
Eine zusätzliche Motivation -- zumindest was mich betraf -- war die ständige Gefahr, erneut verhaftet und angeklagt zu werden. Selbst wenn ich die ganze Sache aufzugeben und mich der fernsehglotzenden, apolitischen Mehrheit anzuschließen gewillt gewesen wäre, hätten es die Umständen gar nicht zugelassen. Da ich nicht wußte, wann ich mich wegen des Verstoßes gegen das Cohen-Gesetz vor Gericht zu verantworten hätte, war an ein Zurück in eine "normale" bürgerliche Existenz nicht zu denken. (Das verfassungsmäßige Recht auf ein schnelles Gerichtsverfahren war von den Gerichten bedauerlicherweise ebenso "uminterpretiert" worden wie das Recht, Waffen zu besitzen und zu tragen.)
Aus diesem Grunde widmete ich mich -- wie auch George, Katherine und Henry -- vorbehaltlos der Arbeit für die Organisation und schmiedete nur noch Pläne für deren Zukunft. Mein Privatleben war unwichtig geworden.
Ob die Organisation wirklich bereit ist, werden wir vermutlich früh genug erfahren. Bis jetzt ist jedoch alles in Ordnung. Unser Plan zur Verhinderung einer erneuten Verhaftungswelle wie 1989 scheint funktioniert zu haben.
Anfang letzten Jahres schleusten wir eine Anzahl neuer, der politischen Polizei noch nicht bekannter Mitglieder in Polizeiabteilungen und in verschiedene halbamtliche Organisationen (wie zum Beispiel den Human Relations Council). Sie dienten uns als Frühwarnsystem und als allgemeine Informationsquelle hinsichtlich der vom System gegen uns geplanten Aktionen.
Wir waren überrascht, mit welcher Leichtigkeit wir dieses Informationsnetz aufbauen und betreiben konnten. Zu Zeiten J. Edgar Hoovers hätten wir kaum ein solch müheloses Spiel gehabt.
Ironischerweise hat sich die Rassenintegrierung bei der Polizei, vor deren verheerenden Auswirkungen wir die Öffentlichkeit immer wieder gewarnt haben, nun als wahrer Segen für unsere Sache erwiesen. Die "Quotenschwarzen" haben nämlich eine wirklich einmalige Arbeit innerhalb des FBI und anderer Ermittlungsämter geleistet und die Effizienz dieser Stellen auf beinahe Null reduziert. Wir sollten uns dennoch nicht zu sicher fühlen.
Mein Gott! Es ist bereits vier Uhr morgens. Ich muß unbedingt noch etwas Schlaf kriegen.
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